Den Bericht vom Turnier in
Fukuoka
November 2008 findet man vorerst hier

Meine Reise nachTokyo 2006

Japan erleben – oder – Sumo total

Ein Reisebericht

Im Vorfeld war ich schon sehr gespannt auf Japan. Eine neue Kultur, ein neues Land, neue Menschen – und vor allen Dingen: Sumo total. Sumo war schließlich der Grund, warum ich meinen wohlverdienten Jahresurlaub im Land der aufgehenden Sonne verbringen wollte. Damit hatte ich mir natürlich auch reichlich Kritik eingehandelt. Die größte Sorge meiner Großmutter zum Beispiel war, dass ich so einen „Dicken Sumo“ mit nach Hause bringe. Die Bedenken meiner Eltern beschränkten sich auf die Ernährungsweise der Japaner mit den Worten: „Kind, was wirst du dort überhaupt essen?“. Im Freundeskreis gab es ebenfalls nur verständnisloses Kopfschütteln über die Wahl meines Urlaubslandes. Kurzum, ich freute mich riesig auf Tokio und niemand teilte diesen Enthusiasmus.

Freitag, 15. September 2006

Endlich war der große Tag der Abreise da. Diesem Tag fieberte ich schon wochenlang entgegen. Nicht zuletzt, weil die Flugtickets erst einen Tag vor der Abreise in meinem Email – Postkasten ankamen.

Los ging es also ab Dresden, Abflug mit der Lufthansa, Zubringer nach München, wo sich unsere Reisegruppe das erste Mal treffen sollte. Ich war sehr auf die Mitreisenden gespannt. Wie sehen wohl die anderen Leute aus, die sich für Sumo interessieren? Ich war so neugierig.

Das Flugzeug aus Dresden war pünktlich und so war ich die erste, die am Abflugterminal nach Tokio ankam. Alle Bänke vor dem Schalter waren noch leer und ich hatte noch genügend Zeit um mich in ein spannendes Buch zu vertiefen. Auch eine Stunde später konnte ich noch keine Reisegruppe entdecken. Kurze Zeit bevor der Flug zum Einsteigen aufgerufen wurde, hatte unser Reiseleiter, Herr Born, mich endlich ausfindig gemacht und stellte mich der restlichen Reisegruppe vor. Wie ich es erhofft hatte, setzte sich die Reisegruppe, auf den ersten Blick, aus ganz unterschiedlichen Menschen zusammen. Das Kennenlernen wurde allerdings auf später verschoben, denn es hieß Einsteigen, Anschnallen und Abflug. Elf ein halb Stunden Flug bis Tokio.

Samstag, 16. September 06

Nach einem ermüdenden Nachtflug kamen wir gegen 10 Uhr morgens Ortszeit im Flughafen Narita an. Die Einreise nach Japan war erstaunlicherweise sehr unkompliziert. Es gibt glücklicherweise nicht so strenge Einreisevorschriften wie in den USA. Alles lief daher zügig und problemlos ab. Noch schnell das Gepäck vom Band geholt und ab in die S-Bahn, die unsere Reisegruppe in knapp 90 Minuten in den Tokioter Sumo - Stadtteil Ryogoku beförderte.

Endlich angekommen lud uns die Reiseleitung zum Mittagessen ein. Natürlich ein Sumo Essen, ein Chanko-Nabe, im Restaurant direkt am Bahnhof neben dem Kokugikan. Jetzt war auch endlich Zeit, alle Mitreisenden kennen zu lernen und ein wenig zu verschnaufen.

Zu unserem Hotel waren es dann keine zwei Minuten zu Fuß zu gehen und jeder war froh als er seinen Zimmerschlüssel in der Hand hatte. Aber zum Ausruhen blieb nicht wirklich Zeit. Zunächst mussten noch einige organisatorische Dinge geklärt werden. Unter anderem benötigte ja jeder noch seine Eintrittskarten für das Sumo - Turnier!

Für mich gab es auch noch keine Pause, denn ich hatte für meinen ersten Abend in Tokio eine Nachtrundfahrt gebucht. Abfahrt war bereits um halb sechs am Hamamatsucho Bus Terminal. Dieser befindet sich mitten in der Stadt zu Füssen des Tokioter World Trade Centers. Aber wie kommt man in der U-Bahn dahin? Zu meinem Glück bekam ich durch Herrn Born einen Schnellkursus in Sachen Tokioter U-Bahn. Eigentlich sehr einfach, wenn man weiß wie. Hat man erstmal die gewünschte U-Bahn-Station auf der Streckenkarte gefunden, so steht gleich darüber der Fahrtpreis. Dann braucht man nur noch am Fahrkartenautomat diesen Preis anzugeben und zu zahlen. Schon kann es losgehen. Problem ist allerdings, dass viele Stationsnamen in Japanisch geschrieben sind. Man ist also gezwungen, die Schriftzeichen zu vergleichen statt zu lesen.

Die Fahrkarte muss dann am U-Bahn-Eingang an der Schranke eingelesen werden und man kann durchgehen. Aber ja nicht die Fahrkarte vergessen mitzunehmen, denn am Ausgang wird sie erneut eingelesen und überprüft. Fahrkartensünder oder Schwarzfahrer haben dadurch schlechte Karten. Zum Glück sieht man den eventuellen Verlust einer Fahrkarte den Touristen nach.

Kaum am Bus Terminal angekommen, ging es auch schon los. Zunächst einmal fuhr der Bus  runter zur Tokyo Bucht, entlang einer bunten Lichterwelt und Vergnügungsvierteln. Ziel: Odaiba. Doch um den jüngsten und modernsten Stadtteil von Tokio zu erreichen, fuhr unser Bus zunächst über die Rainbow Bridge, eine der größten Brücken in Tokio. Das Beeindruckende ist, neben einer normalen Strasse, einem Fußgängerübergang und dem Expressway, wird die Brücke noch von der Yurikamome (Seemöwe) Linie benutzt. Dieser Zug ermöglicht seinen Fahrgästen während der Überquerung der Rainbow Bridge nicht nur Einblicke in die Brückenarchitektur sondern auch einen tollen Panoramablick auf Tokio. Doch das Beste daran, der Zug fährt gänzlich computergesteuert. Fahrgäste können also für ein Foto ungestört auf dem Platz des Zugführers sitzen.

Nach einem kurzen Stopp für ein japanisches Abendessen in einem Hotelrestaurant mit Blick auf die gesamte Tokio Bucht fuhr der Bus zur japanischen Freiheitsstatue in Odaiba. Diese wurde, ähnlich wie ihre New Yorker Schwester, von Frankreich gestiftet. Der Anlass war aber ein kultureller französisch – japanischer Austausch vor circa 80 Jahren. Im Rahmen des Austauschs wurden Kunstgegenstände aus Frankreich in Japan und japanische Kunst in Frankreich ausgestellt. Die Franzosen versetzten dafür unter anderem ihre Originalstatue nach Tokio. Unser Reiseführer erzählte uns, als die Ausstellungen zu Ende gingen, waren die Japaner so traurig über den Verlust der Freiheitsstatue, dass Frankreich prompt eine Kopie anfertigen lies und diese dann der Stadt Tokio zum Geschenk machte.

 

Aber es blieb nur Zeit für ein kurzes Foto und weiter fuhr unser Bus durch den Stadtteil Ginza, der Einkaufsmeile, vorbei am Kabuki - Theater nach Roppongi, dem Vergnügungsviertel. Zum Höhepunkt und Abschluss der Nachtrundfahrt fuhren wir auf die Aussichtsplattform der Roppongi Hills. 250 m über dem Meeresspiegel und im Radius von 360° hat man einen atemberaubenden Blick über die endlos scheinende Stadt. Ein einziges Lichtermeer.

Zum Abschluss durfte ich jetzt noch allein mit der U-Bahn nach Hause fahren. Zunächst war ich völlig erstaunt, dass diese Fahrt ohne Zwischenfälle verlief. Noch mehr erstaunte mich allerdings, wie sicher die U-Bahn ist. Kein Graffiti, kein Kaugummi auf den Sitzen, nichts ist kaputt oder verkommen. Auch die Fahrgäste sind stets korrekt und auch wenn man als Frau abends oder nachts allein unterwegs ist braucht man keine Angst vor Übergriffen zu haben. Wer sich als Frau dann doch nicht so sicher ist, kann immer noch in den „women only“ – Wagon einsteigen.

Aber bevor ich ins Hotel zurück ging, wollte ich noch schnell zu Hause anrufen. Also, rein in den Supermarkt, direkt an die Kasse und eine Telefonkarte verlangt. Natürlich mit Händen und Füssen, da keiner der Verkäufer auch nur ein Wort Englisch verstand. Soweit so gut. Die Telefonkarte hatte ich und eine Telefonzelle aus der man auch international anrufen konnte, war auch schnell gefunden. Leider stand auf der Karte: „Bitte nicht in den Automaten stecken“. Etwas ratlos öffnete ich daraufhin die fünfseitige Gebrauchsanweisung und fand darauf auch eine Erklärung in Englisch. Da hieß es: „Bitte wählen Sie 00 55 + Kartennummer + Ländercode + Vorwahl + Rufnummer.“ Klingt einfach? Irrtum! Diese Erklärung ist nur zu verstehen, wenn man nach 30 Minuten und endlosen Versuchen endlich das System verstanden hat. Zunächst muss man ein Gespräch nach Europa erst bei der Telefongesellschaft anmelden, danach die Kartennummer der Telefonkarte eingeben, danach den Ländercode für Deutschland ohne die 00 Vorwahl eingeben und dann die gewünschte Telefonnummer. Wenn man sich bei dem Zahlengewirr nicht mindestens fünfmal verwählt, dann bringen einen zumindest die japanischen Bandansagen völlig durcheinander. Jedenfalls war das bei mir der Fall. Vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass ich gegen Mitternacht und nach so vielen Ereignissen recht müde war.

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Sonntag, 17. September 06

Endlich war es soweit. Heute wollte ich das erste Mal zum Turnier in den Kokugikan gehen. Ich wurde natürlich entsprechend mit den Trommeln gegen 8.30 Uhr geweckt. Aber vor dem Turnier blieb noch Zeit, Ryogoku zu erkunden. Und prompt verlief ich mich im Strassengewirr. Mein großes Problem, Tokio hat keine Straßennamen! Die Anschriften sind codeähnlich geschrieben, zum Beispiel: 5-6-23 Minami-Aoyama, Minato-ku. Gemeint ist: Gehe zum Stadtteil Minato-ku, ins Viertel Minami-Aoyama, im 5. Unterbezirk, im 6. Häuserblock die Hausnummer 23. Und leider ist die Adresssuche auch so kompliziert wie sie klingt, denn die Häuser werden nicht durchlaufend nummeriert, sondern nach dem Datum ihrer Eintragung ins Katasteramt. Das heißt, die Hausnummer 5 befindet sich nicht logischerweise zwischen den Hausnummern 4 und 6, sondern kann unter Umständen am anderen Ende des Häuserblocks sein. Selbst Taxifahrer haben hier keine Chance. Die einzige Möglichkeit ist, bei den zahlreichen Polizeistellen an der Hausecke nachzufragen, denn jeder der im Häuserblock neu einzieht, muss sich bei den Polizisten anmelden. Deshalb sollte man immer einen Stadtplan mithaben auf dem dann die Adresse des Hotels schon eingezeichnet ist. So findet man auf jeden Fall wieder zurück

Aber nun schleunigst in die Sumo-Halle. Schon allein der Weg vom Hotel, über die Strasse bis zum Eingang des Kokugikan war ein Erlebnis. Die Ränder des breiten Fußgängerweges waren überfüllt von Menschen, die auf die Rikishi warteten. Das Schöne am Sumo – Sport ist, dass die Ringer so nah am Publikum sind. Da sich in Ryogoku viele Sumo – Ställe befinden kommen die Rikishi einfach per Fuß zum Wettkampf. Der Rest kommt meist mit dem Taxi und muss sich durch die Menschenmenge hin zum Eingang in die Halle schlängeln. Man hat also als Zuschauer die Möglichkeit seine Favoriten life und hautnah zu erleben, anzufassen ein Foto zu schießen oder, wenn man Glück hat, vielleicht sogar ein Autogramm ergattern.

Also stürzte ich mich durch die wartende Menge, die bis zum Beginn der Kämpfe der Makuuchi - Division vor der Halle stand. Stolz präsentierte ich meine Eintrittskarte und konnte endlich den Kokugikan betreten. Vom Haupteingang aus geht man auf die riesige Vitrine mit den zahllosen und verschiedensten Pokalen der Sumo - Welt zu. Auf der rechten Seite geht es durch einen unscheinbaren Eingang zum Sumo – Museum. Leider sind alle Ausstellungen ausschließlich in Japanisch. Mit anderen Worten, ohne eine sachkundige Führung ist man ziemlich verlassen. Zahlreiche Souvenirstände befinden sich im Gang, der rund um die Halle führt, sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Etage. Man kann sich gar nicht entscheiden, was man als erstes kaufen soll.

Dank zahlreicher Sitzpläne und den freundlichen Platzanweiserinnen findet man schnell zu seinem Sitzplatz. Schon beim Betreten der Ränge war ich fasziniert von allem was unten im Zentrum der Halle vor sich ging. Bisher hatte ich Sumo ja nur im Fernsehen gesehen. Ich musste daher feststellen, das vom eigentlich Programm im deutschen Fernsehen gar nichts zu sehen war. Das ist irgendwie auch nicht verwunderlich. Schließlich dauern die Kämpfe von morgens bis abends um sechs Uhr. In den deutschen Fernsehübertragungen wird häufig ein gesamter Wettkampftag in 30 Minuten zusammengefasst. Zum Beispiel sieht man den Einmarsch der oberen Ränge der Rikishi – das Dohyo-iri – nur selten im gesamten Umfang.

Getrennt nach Ost und West-Rängen kommen die Kämpfer geschmückt mit den wertvollen Kesho-Mawashi in die Halle gelaufen. In der Makuuchi – Division folgte dann als Höhepunkt der Einmarsch von Asashoryu dem Yokozuna. Man spürt an dieser Stelle ganz deutlich wie hoch der Einfluss des Shinto – Glaubens im Sumo ist. Der Yokozuna trägt einen kunstvoll geknoteten Hanfgürtel mit weißen gezackten Papierstreifen. Diesen Hanfgürtel kann man an verschieden Stellen auch außerhalb des Sumo sehen, zum Beispiel an Bäumen oder Gebäuden. Er schmückt immer etwas Göttliches oder signalisiert göttliche Abstammung. Man erkennt also sofort, welche Stellung der Yokozuna in der Gesellschaft hat.

Die Stimmung in der Halle war einfach bombig. Gerade beim Einmarsch jubelte jeder seinem Lieblingskämpfer zu. Ich stellte sogar fest, dass einige Zuschauer extra durch die Zuschauerränge laufen um die Namen zu rufen, damit es so ausschaut, als würde ein bestimmter Rikishi aus allen vier Himmelsrichtungen  angefeuert werden.

So war unsere Reisegruppe gebannt von unserem Sumo – Tag. Bis zur letzten Minute waren wir gespannt und sogen die gesamte Atmosphäre in uns ein.

Nach so einem erlebnisreichen Tag entschlossen wir uns zu dritt (Christine, Herbert und ich) noch gemeinsam zu Abend zu essen. Zunächst stellte es sich als schwierig heraus, überhaupt ein Restaurant zu finden, das noch offen hatte oder uns noch servieren wollte. Außerdem genossen wir die Ausläufer des Taifuns Nr. 13. Mit anderen Worten, es regnete in Strömen. Fazit, rein in eine typische japanische Kneipe. Das dachten wir zumindest. Wir nahmen Platz an einem Tisch in dem eine Herdplatte in der Mitte eingelassen war. Die nette Bedienung versuchte uns ein Menü zu erklären. Auf der Karte waren unzählige Schüsseln abfotografiert und bei jedem Menü gab es eine andere Zusammenstellung der verschiedenen Schüsseln. Wir entschlossen uns kurzerhand für Menü Nr. 1, da es hier die wenigsten Schüsseln gab und wir auch die Preise auf Japanisch leider nicht lesen konnten.

Los ging es mit einem kalten Hors d’oeuvre. Eine Art Glasnudeln aus Fisch überhäuft mit Frühlingszwiebeln. Als Vorspeise gab es dann sechs Stück rohen Fisch auf Chinakohl bestrichen mit einer sehr würzigen Aromapaste und Zwiebeln. Mir war das etwas zu viel des Guten und deshalb as ich nur fünf Stück. Das verwirrte wohl die Kellnerin, die daraufhin den Tisch nicht abräumen wollte. Ich musste ihr erst erklären, dass ich den Fisch durchaus mochte, aber dass mir das alles zu viel war.

Nun ging es ans Kochen. Auf die Herdplatte in der Mitte wurde zunächst ein Bastkorb (!) gesetzt, der Korb wurde mit einem Blatt Papier (!!) ausgelegt und auf das Blatt kam nun eine Metallplatte (!!!). Es folgte circa ein Liter Wasser, das aussah als hätte man es direkt in der Tokio Bay geholt, mit anderen Worten, es war nicht klar, sondern trüb. Wir schauten uns etwas ratlos an und runzelten schon die Stirn, weil wir keine Ahnung hatten, was das jetzt bedeuten sollte. Als Nächstes kam der Koch persönlich mit einer riesigen Platte randvoll mit Chinakohl, Lauch, Shiitake Pilzen, wieder diesen Fischnudeln und einer Menge frischem rohen weißen Fisch. Der Fisch war so frisch, dass er noch auf der Platte zuckte! Alle diese Zutaten wurden nun in das, im Bastkorb kochende Wasser gelegt, der Schaum wurde abgeschöpft und man wünschte uns Guten Appetit. Dazu gab es in einer kleinen Beilageschüssel noch drei verschiedene Würzsaucen, vor denen uns der Koch aber wegen der Schärfe warnte. Gegessen wurde direkt aus dem Bastkorb. Der Geschmack war zwar ungewöhnlich, aber wir haben die gesamte Platte fast leer gegessen. Ungewöhnlich war, dass der Fisch keine Gräten, sondern Knochen hatte. Den Rest des Gemüses haben wir dann roh verspeist. Damit war unser Tisch die Attraktion im Restaurant. Abwechselnd kamen alle Kellner des Restaurants um zu schauen, wie wir essen. Ich hatte den Eindruck, dass das Personal sich köstlich amüsierte. Vielleicht auch deswegen, weil nicht so oft Touristen in solche typisch japanischen Kneipen gehen.

Völlig gesättigt machten wir der Kellnerin nun klar, dass wir fertig gegessen hatten. Wir staunten nicht schlecht, als noch ein Gang folgte. Es war noch etwas Fisch und Wasser im Bastkorb. Die Kellnerin brachte nun noch Reis, Eier und Sojasauce und begann tatsächlich aus den Resten noch eine Fischsuppe zu kochen. Die war dann leider auch so lecker, dass wir alle noch eine Schüssel aßen. Danach war dann aber wirklich Schluss. Wir zahlten und verließen das Restaurant. Am Ausgang stand plötzlich das gesamte Personal, zum Teil auch aus der Küche, um sich bei uns zu bedanken. Völlig ungewöhnlich für deutsche Verhältnisse, aber vielleicht haben wir ja tatsächlich für die Unterhaltung an diesem Abend gesorgt.

Auf alle Fälle nahm ich dann noch eine Verdauungstablette ein und fiel wieder tot ins Bett

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Montag, 18. September 06

Am Montag hatte ich eine halbtägige Stadtrundfahrt durch Tokio geplant. Los ging es acht Uhr mit der U-Bahn zum Hamamatsucho Bus Terminal. Der Taifun vom Vorabend war immer noch in der Region und von Zeit zu Zeit regnete es noch.

Zunächst gab es aber strahlenden Sonnenschein, als unser Reisebus voller Touristen vom Tokio World Trade Center, vorbei am Tokio Tower zum Meiji Shinto Schrein fuhr. Dieser Schrein befindet sich mitten in einem großen Park in der Stadt. Abgeschirmt durch 100 000 Büsche und Bäume von der Hektik der Stadt. Der Meiji - Schrein ist noch sehr jung. Er wurde erst 1920 zu Ehren der Kaiserfamilie Meiji gebaut, die auch heute noch herrscht. Man passiert zunächst zwei riesige Torii, das erste aus Stein und das zweite aus Zypressenholz, vorbei an einer Wand aus Sakefässern. Der Weg ist von Kieselsteinen bedeckt. Das hat auch einen religiösen Hintergrund. Auf Kieseln kann man nicht geräuschlos laufen. Deshalb können sich auch keine bösen Geister dem Tempel nähern ohne gehört zu werden.

Bevor man jedoch den Schrein selbst betritt, ist es üblich sich zu reinigen. Wenn man durch ein Torii geht, so wird der Geist von allen schlechten Gedanken und Bösen gereinigt. Doch vor dem Schrein steht immer ein Brunnen mit Schöpflöffeln. Man lässt zunächst das Wasser über seine linke Hand rinnen, danach über die rechte Hand. Zum Schluss trinkt man einen Schluck Wasser aus der Hand und ist äußerlich wie auch innerlich gereinigt und kann somit zu den Göttern sprechen.

Rechts neben der Haupthalle stehen Gestelle an denen Dutzende Holztäfelchen hängen. Für einen geringen Obolus kann man sich ein Täfelchen kaufen, seine Wünsche darauf vermerken und dann am Gestell aufhängen. Mir wurde von der Reiseleitung versichert, dass die Shinto Götter keine Sprachprobleme kennen. Daher sieht man viele Touristen, die dem Beispiel der japanischen Gläubigen folgen und auch direkt zur Gottheit beten. Es ist erstaunlich, dass  Schreine und Tempel in Japan generell sehr gut besucht sind – nicht nur von Touristen. Der wohl häufigste Wunsch an die Götter ist Erfolg im Studium.

Wer Glück hat, kann auch eine Shinto Hochzeit im Tempel miterleben. Zur Zeremonie ist man dann zwar nicht geladen, aber man die Chance ein tolles Foto einer japanischen Braut zu schießen.

Vom Meiji Schrein fuhr die Reisegesellschaft vorbei am Baseball Stadium und am Parlament, dem Diet Building, zum Kaiserpalast. Leider kann man vom Kaiserpalast gar nichts sehen. Man kann nur den Ostgarten betreten, da wo früher die Edo - Burg stand in der die Shogune von 1603 bis 1868 residierten. Wir streiften also gemütlich eine Stunde durch den Ostgarten im Zen – Stil, bevor wir mit dem Bus vorbei an der Tokio Station (Hauptbahnhof) zum Asakusa Kannon Tempel fuhren.

Eine wunderschöne Legende umgibt diesen Tempel. Der Sage nach sollen zwei Fischer im Jahr 628 eine Statue der Barmherzigkeitsgöttin Kannon an dieser Stelle aus dem Fluss Miyato herausgezogen haben. Zunächst versuchten sie die Statue wieder in Wasser zu werfen, aber was sie auch unternahmen, die Statue kam stets zu ihnen zurück. Daher liefen sie mit der Statue zu ihrem Herrn und dieser lies eine Halle zu Ehren der mysteriösen Statue bauen. Heute steht hier eine rekonstruierte Tempelanlage, da das gesamte Gebiet im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Beschützt wird der Tempel von dem mächtigen Wind- und Donnergott. Diesen kann man bewundern, wenn man durch das mächtige Südtor Kaminarimon mit der beeindruckenden Laterne hindurchgeht. Bevor man jedoch den Tempel zu sehen bekommt, muss man sich erst noch durch die Ladenstrasse Nakamise kämpfen, in der sich ein Souvenirladen an den anderen reiht. Da man hier alles mögliche, vom Kimono bis hin zum Schlüsselanhänger, kaufen kann, ist die Strasse immer völlig überfüllt.

Vor dem Tempel steht ein Räucherstand. Die Reiseleiterin erklärte uns, dass der Weihrauch, der dort aufsteigt Gutes bringt. Mit anderen Worten, fächelt man sich den Rauch über den Kopf, so bringt er Gesundheit. Fächelt man sich den Rauch in die Hosentasche, so bringt er Geld. Witzig ist, dass wir nicht wenige Männer gesehen haben, die versuchten, sich den Rauch direkt in die Hose zu fächeln!

In der Tempelhalle steht heute ein Altar zu dem die Menschen beten. Rund um den Tempel herum gibt es Regale mit 100 Schubfächern. Vor den Regalen stehen sechseckige Blechbüchsen. Für 100 Yen darf man die Blechbüchse schütteln und kann aus einem kleinen Loch ein dünnes Stäbchen ziehen. Das Stäbchen ist dann eine Art Schlüssel, dass eine der Schubladen im Regal öffnet. In der Schublade liegt dann ein Zettelchen mit einer Weissagung für die Zukunft. Glücklicherweise steht die Voraussage auf einer Seite auf Japanisch und auf der anderen Seite, für die Touristen, auf Englisch. Meist liest man sich die Zettel nur einmal durch, behält sie aber nicht. Überall im Tempel kann man die Zettel an Streben knoten. Der Wind soll dann die Voraussagungen mitnehmen. Die guten Wünsche werden dann durch den Wind wieder zu einem gebracht. Die bösen Wünsche werden für immer weggeweht.

Vom Asakusa Tempel fuhren wir dann zurück in den Stadtteil Ginza, vorbei am Kabuki Theater und hier war das Ende der Halbtagsrundfahrt. Ich entschloss mich noch ein wenig in Ginza herumzustreifen und fuhr anschließend mit der U-Bahn nach Asakusa-Bashi. Das ist nur eine S-Bahn Station von Ryogoku entfernt, also kein Problem das Stück zu laufen. Ich durchquerte zunächst ein Wohngebiet und kam auf eine Brücke. Dort wurde gerade ein Film gedreht. Um nicht durch das Bild zu laufen, hielt ich in der Mitte an und wurde sofort von einem älteren japanischen Ehepaar entdeckt. Die beiden fanden das so genial, dass ich da war, dass sie sofort ein Gespräch mit mir anfingen. Leider verstand ich natürlich kein Wort, und das Ehepaar sprach auch kein Englisch. Mit Händen und Füssen fragten sie mich, ob ich Amerikanerin sei. Ich versuchte zu erklären, dass ich Deutsche bin. Davon waren sie absolut fasziniert. Irgendwie mochten sie wohl Deutschland sehr. Sie fragten mich nun, ob ich aus München oder aus Berlin komme. Ich entschied, dass es eindeutig zu kompliziert war, den beiden zu erklären, wo Chemnitz liegt und sagte also ich komme aus Berlin. Daraufhin versprach mir der Mann mir zu schreiben!?! Nach zehn Minuten, vielen Händeschütteln und „Danke“, „Merci“, „Thank you“ und „Sayonara“ entließen mich die beiden und ich kehrte zurück ins Hotel. Dort zog ich mich kurz um und auf ging es erneut zum Hamamatsucho Bus Terminal. Da war Treffpunkt für den Kabuki Abend.

Das Kabuki Theater ist das traditionelle Japanische Theater. Heute werden alle Rollen, auch die Frauenrollen, ausschließlich von Männern gespielt. Ursprünglich war das wohl nicht so. Alle Darsteller tragen prächtige Kostüme und sind stark geschminkt. Vor allem die weiblichen Figuren. Für europäische Verhältnisse recht ungewöhnlich sind auch die Texte. Sie gleichen eher einer Art Gesang und es wird viel getanzt. Amüsant sind die vielen technischen Finessen mit denen im Theater gearbeitet wird um Personen erscheinen oder verschwinden zu lassen, oder andere Effekte zu erzeugen.

Nun saß unsere Reisegruppe mitten zwischen den japanischen Fans des Kabuki Theaters. Normalerweise beginnt eine Vorstellung im Kabuki bereits um 16 Uhr und endet gegen 21 Uhr. Unsere Reisegruppe sah sich nur das letzte Stück an. Über den gesamten Abend werden mehrere Stück gespielt und es gibt oft Pausen, während dessen die Bühne umgebaut wird. Man muss also nicht fünf Stunden im Theater sitzen, sondern kann eben auch nur 90 Minuten zuschauen.

Wichtig zu wissen wäre noch, dass das Kabuki Theater eine reine Männerwelt ist. Das gilt auch für die Zuschauer. Wie überall im Showgeschäft, gibt es unter den Schauspielern richtige Stars. Und Stars haben schließlich ihre Fans. Die männlichen Fans können sich das Recht erkaufen, während der Vorstellung den Namen ihres Lieblingsschauspielers zu rufen. Aber nur die männlichen Fans!

Nach dem Kabuki Theater fuhr ich weiter ins absolute Vergnügungsviertel, nach Roppongi. Zum Ausgehen war ich zwar zu müde, aber ich wollte noch ins Hard Rock Cafe, dass ich am Vormittag bei der Durchfahrt erspäht hatte. Ich stieg an der zentralen Haltestelle aus. Leider konnte ich mich nicht mehr erinnern, auf welcher der vier Strassen das Hard Rock Cafe war. Also lief ich sie alle ab. Bei meinem Glück, war es natürlich die letzte Strasse, in der ich das Cafe fand. Zwischendurch musste ich mich noch den ganzen anderen Bars entziehen. Vor jeder Bar stand ein Mann, der versuchte Gäste in seine Kneipe zu locken. Frauen, die hier allein unterwegs sind, sollten sich in Acht nehmen. Man fühlt sich zwar sicher, aber man wird halt ständig angequatscht. Meist sind das aber keine Japaner, sondern eher schwarze Amerikaner. Roppongi ist der einzige Stadtteil Tokios in dem man davon ausgehen kann, auch mit Englisch problemlos durchzukommen.

Im Hard Rock Cafe Souvenir Shop kaufte ich noch schnell zwei Sachen und fuhr zurück zum Hotel.

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Dienstag, 19. September 06

Für diesen Tag hatte die Reiseleitung einen gemeinsamen Ausflug nach Kamakura vorgesehen. Dazu wurde uns ein Reiseführer organisiert. Das tolle daran, es handelte sich nicht um einen Führer eines Reiseveranstalters, sondern um einen Deutschen, Thomas, der seit fast zwei Jahren mit seiner Frau in Yokohama lebt. Thomas konnte uns eine Menge erzählen, da er ein schier unglaubliches Wissen der japanischen Geschichte hat. Außerdem konnte er uns viele kleine Anekdoten über das Leben in Japan erzählen.

Wir wurden also von Thomas morgens abgeholt und fuhren eine Stunde mit dem Zug nach Kamakura. Kamakura befindet sich direkt am Meer an der Sagami – Bucht. Man kann sogar, wenn man gut aufpasst, zwischen den Häusern kurz das Meer entdecken. Berühmt ist Kamakura wegen seiner unzähligen Tempel und Schreine. Diese wurden hauptsächlich in der Zeit von 1192 bis 1333 gebaut. In dieser Zeit war Kamakura das politische und militärische Zentrum Japans.

Wir stiegen am Bahnhof von Kamakura aus und berieten uns, welche Tempel wir uns anschauen wollten. Alles an einem Tag anzuschauen würden wir sowieso nicht schaffen, also musste eine Auswahl getroffen werden. Kurzerhand entschieden wir uns zunächst für den Daibutsu und den Hase Kannon Tempel. Wir nahmen also noch einmal den Zug um nach Hase zu fahren. Dort angekommen, liefen wir eine kleine malerische Strasse hinauf zum Daibutsu. Thomas erklärte uns, dass wir einen guten Tag für den Ausflug gewählt hatten. Mitten in der Woche sind weniger Touristen unterwegs. Normalerweise sind die Strassen mit Menschen völlig überfüllt.

Der Daibutsu, oder der große Buddha, präsentierte sich uns in strahlendem Sonnenschein. Es handelt sich dabei um eine circa 13 m hohe Bronzestatue. Ursprünglich soll der Buddha in einer riesigen Tempelhalle gestanden haben. Diese wurde aber durch einen Tsunami 1498 weggespült. Die Japaner sahen darin die Aufforderung der Götter, dass die Statue fortan im Freien stehen solle. Und seit dieser Zeit sitzt der Buddha im Freien.

Um den Buddha herum ist ein kleiner Park, und wie überall zahlreiche Souvenirstände mit Glücksbringern. Man kann sogar in den Buddha selbst hineingehen. Dort gibt es allerdings nur die Bronzekonstruktion zu sehen.

Vom Buddha gingen wir die Strasse zurück. In einer kleinen Nebenstrasse befindet sich der Weg zum Kannon Tempel. Dabei handelt es sich eigentlich mehr um eine riesige Tempelanlage, die mehreren Gottheiten gewidmet ist. Zunächst durchquerten wir einen wunderschönen japanischen Garten. Es gab noch einige Blüten zu bewundern und in fast allen Teichanlagen schwammen Koy-Karpfen herum. Thomas erklärte uns, dass diese Karpfen sozusagen „Abfall“ wären. Damit die Karpfen in Japan verkauft werden können, müssen sie eine bestimmte Färbung haben und einen roten Fleck an genau einer Stelle auf dem Rücken. Alle Karpfen, die nicht diesem Standard entsprechen, und sei es nur, dass der Fleck einen Zentimeter zu weit rechts oder links ist, sind in Japan nicht verkäuflich. Da die Karpfen zum wegwerfen oder töten zu schade sind, werden sie halt von den Züchtern in den öffentlichen Anlagen ausgesetzt. Für deutsche Verhältnisse schwimmt da ein kleines Vermögen den Bach hinunter.

Wir gingen den Weg und die Treppe hinauf zum Jizou-dou. Das ist ein kleiner Tempel innerhalb der Anlage. Rund um den Tempel sind Scharen von kleinen Kinderstatuen, die Abbildung des Kindergottes Jizo. Das Wunderliche daran, diese Statuen tragen zum Teil Kindermützen, Capes, oder haben kleine Spielsachen bei sich. Thomas erklärte uns, dass diese Statuen verstorbene Kinder beschützen sollen. Dem Glauben nach gibt es auch für Japaner einen Himmel und eine Hölle. Den Kindern wird der Weg zum Himmel aber durch eine böse Hexe versperrt. Damit die Seelen der Kinder heil an dieser Hexe vorbeikommen, beten die Eltern an diesem Tempel. Die Statuetten sind die Beschützer der Kinder. Indem man ihnen Sachen des Kindes anvertraut, vertraut man ihnen die Seele des Kindes an.

Wir gingen im Gelände weiter hinauf zum Haupttempel, den Kannon Tempel. In diesem Tempel kann man die größte Holzstatue Japans sehen. Sie ist vergoldet und stellt die Barmherzigkeitsgöttin Kannon dar. Der Legende nach habe ein Mönch diese Statue geschnitzt und sie anschließend ins Meer geworfen. Am Strand von Kamakura sei die Statue wieder an Land gespült worden und die Einwohner sahen darin die Aufforderung einen Tempel der Kannon hier an dieser Stelle zu errichten.

Neben dem Tempel befindet sich eine Aussichtsplattform. Von hier hat man eine tolle Aussicht auf den Ozean und Hase. Leider habe ich keinen Strand gesehen. Bis ans Meer heran wurden die Häuser gebaut. Thomas erzählte uns, dass die Japaner auch nur sehr wenig an den Strand gehen. In Japan gilt eine weiße, ungebräunte Hautfarbe als schick.

Bevor wir die Tempelanlage verließen, besuchten wir noch ein Art Höhle. Der Sage nach, soll sich hier einst ein Gläubiger oder Mönch eingeschlossen haben und dann die Höhle ausgemeißelt haben. Als er mit der Höhle fertig war, hat er dann noch die Statuen von verschiedenen Göttern in die Wand  gehauen. Die Gläubigen kommen heute in die Höhle, wenn sie für den Erfolg ihrer Kinder in der Musik beten möchten, zum Beispiel Erfolg für die nächsten Klavierstunden.

Wir verließen nun den Tempel und fuhren mit dem Zug zurück nach Kamakura. Jetzt hatten alle Hunger und Thomas schlug vor, Sushi essen zu gehen. Für Deutsche ist Sushi etwas Besonderes. Hier in Japan sind die kleinen Sushi Restaurants eher eine Art Schnellimbiss. Für wenig Geld kann man sich hier mit rohem Fisch so richtig voll stopfen. Die Nigiri, die in Deutschland ab 3 Euro aufwärts kosten, bekommt man hier schon für einen Euro. Die Fischstücke sind doppelt so groß und doppelt so dick wie in Deutschland. Dazu kann man soviel grünen Tee trinken, wie man nur möchte. Ein perfektes Menü. Von den teureren Sushi sollte der Europäer aber Abstand nehmen. Auf den teuren Tellern gibt es häufig Spezialitäten, die dem europäischen Gaumen nicht unbedingt schmecken. Also, Vorsicht.

Wir liefen zurück zum Hauptbahnhof. Dort stiegen wir in den Bus um, der uns zum Hokokuji Tempel bringen sollte. Bus fahren in Japan ist ebenfalls ein Erlebnis und will auch gelernt sein. Zunächst einmal steigt man hinten in der Bus ein und zieht am Automaten eine Karte. Auf der Karte steht die Nummer der Haltestelle, an der man eingestiegen ist. Die Karte muss man unbedingt bis zum Ausstieg behalten. Während der Busfahrt werden nun an einer Leuchttafel über dem Busfahrer die Fahrpreise nach Haltestellennummern angezeigt. Wenn man dann an die gewünschte Haltestelle kommt, schaut man an die Tafel nach seiner Haltestellennummer, an der man eingestiegen ist, und kann nun seinen Fahrpreis ablesen. Ausgestiegen wird vorn beim Fahrer. Dem zeigt man dann seine Fahrkarte und kann die Fahrt anschließend bezahlen. Aber bitte schön das Geld passend bereit halten! Alles Andere gilt als peinlich!

Der Hokokuji Tempel liegt sehr unscheinbar inmitten von Einfamilienhäusern. Der Tempel selbst ist auch nicht die eigentliche Sehenswürdigkeit, sondern der riesige Bambusgarten, der dahinter liegt. Hier kann man wunderbar spazieren gehen und wer 500 Yen für eine Tasse besonderen Tee ausgeben möchte, kann mitten im Bambushain diese dann genießen. Es handelt sich hierbei um pulverisierten grünen Tee, der mit einem Schöpflöffel heißem Wasser aufgegossen wird. Danach wird der Tee mit einer Art Rasierpinsel aufgeschäumt und kann sofort getrunken werden. Wir liefen einige Zeit durch den malerischen Garten und trafen dort einige Gärtner, die gerade darüber berieten, wie diese oder jene Bäume verschnitten werden müssen, damit das Gesamtbild harmonisch erscheint.

Über dem Bambusgarten haben wir dann doch die Zeit vergessen und sind im Schnellschritt nach Kamakura zurück gelaufen. Schließlich  wollten wir uns noch einen letzten Schrein anschauen, den Tsurugaoka Hachimangu Schrein. Dieser Schrein ist dem als Kriegsgott verehrten Kaiser Ojin aus dem 3. Jahrhundert gewidmet. An der Haupttreppe, die zum Hauptschrein hinaufführt, steht ein enormer Ginkobaum. Der Baum wird von einem ebenso enormen Hanfseil geschmückt, das als Zeichen gilt, dass dieser Ginkobaum als eine Gottheit verehrt wird. An diesem Baum soll 1219 der Minamoto Shogun Sanetomo, der letzte seines Geschlechts, von seinem Neffen, einem Priester des Hachimangu Schreins, durch einen Pfeil ermordet worden sein.

Im Gegensatz zu den meisten Tempeln und Schreinen, die wir an diesem Tag angesehen haben, besticht der Hachimangu Schrein durch seine kräftigen und bunten Farben. Er erinnert in seiner Gestaltung sehr an einen chinesischen Tempel. Umgeben wird die Tempelanlage von zwei großen Teichen, die über und über mit Lotos gefüllt sind. Leider konnten wir die Lotosblüte nicht sehen, sonst hätten wir festgestellt, dass der eine Teich nur mit rotem Lotos blüht, während der andere Teich voller weißem Lotos ist.

Nun mussten wir uns aber wirklich beeilen, denn unser Zug zurück nach Tokio sollte bald abfahren. Wir schlugen daher den direkten Fußweg zum Bahnhof ein, vorbei an vielen kleinen Souvenirläden und Geschäften, die zum Bummeln einladen. In dieser Strasse zeigte uns Thomas auch das einzige Geschäft Japans, die eine Art Thüringer Rostbratwurst anbieten. So schlenderten wir den Weg hinab zum Bahnhof, wo wir unsere Fahrkarte lösten und todmüde in den Zug stiegen.

Wieder am Hotel angekommen, verabschiedeten wir uns von Thomas. Auf mich wartete noch eine Überraschung. In meinem Hotelzimmer war die Klimaanlage kaputt und leckte. Daher war mein Zimmer schon zum Teil überschwemmt. Aber der Schaden war schon am selben Tag von Hotelangestellten behoben worden, die sich noch tausend mal für die Unannehmlichkeiten entschuldigten.

Unsere Reisegruppe verabredete sich noch zu einem gemeinsamen Abendessen. Wir wollten kurzerhand eines der japanischen Schnellrestaurants à la Mc Donalds ausprobieren. In einer Nebenstrasse wurden wir fündig. Die Karte sah ähnlich aus, wie in unseren Mc Donalds Geschäften. Nix wie rein. Das dürfte doch kein Problem sein dort drin zu bestellen, oder doch? Es wurde zu einem kleinen Problem, denn, wie erwartet, sprach die Bedienung auch hier kein Wort Englisch. Wir konnten eigentlich nur auf die Bilder zeigen, um der Bedienung klar zu machen, welchen Burger wir haben möchten.

Die Unterhaltung an diesem Abend ging natürlich rund ums Sumo. Wir besprachen die Tagesergebnisse des Turniers und freuten uns auf den nächsten Tag. Mit dieser Vorfreude kehrten wir zurück ins Hotel und beendeten einen anstrengenden Tag.

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Mittwoch, 20. September 06

An diesem Morgen hieß es früh aufstehen. Es war nur Zeit für ein kurzes Frühstück, denn heute stand wieder Sumo total auf dem Reiseplan. Aber von der ganz besonderen Art. Wir wollten heute ein keiko (Training) besuchen.

Wir fuhren zunächst mit unzähligen Umsteigen fast eine Stunde aus Tokio hinaus. Unser Sumo - Fachmann, Herr Steinschaden, erklärte uns auf dieser Fahrt alles zum Training. Wichtig zu wissen ist, dass man quasi zu den Rikishi nach Hause fährt. Die Kämpfer leben im Sumo - Stall zusammen unter einem Dach, wie eine Art große Familie. Allerdings gibt es in dieser Familie eine sehr strenge Rangordnung. Man erkennt einen Rikishi der oberen Division beim Training an seinem weißen Mawashi. Alle anderen Mitglieder des Stalls, die in den niederen Rängen sind, tragen einen schwarzen Mawashi. Die gesamte Hausarbeit im Stall wird nicht etwa von der Hausfrau, der Ehefrau des Oyakata, erledigt. Nein, alle Träger eines schwarzen Mawashi müssen kochen, waschen, putzen und aufräumen. Außerdem leben alle Mitglieder des Stalls auf engem Raum zusammen. Nur den Kämpfern der höheren Ränge steht ein eigenes Zimmer zu. Alle anderen müssen in einem Gemeinschaftsraum schlafen.

Außerdem gibt es gewisse Verhaltensregeln, die man beachten muss. Zunächst einmal Schuhe aus! Absolute Ruhe, also nicht schnattern und vor allem nichts sagen, auch wenn einem das Training sehr hart erscheint. Herr Steinschaden erklärte uns, dass er es schon einmal erlebt hat, dass ein junger Kämpfer von einem Älteren in den Spagat gedrückt wurde. Für den jungen Kämpfer muss das sehr schmerzhaft gewesen sein und man darf in dieser Situation als Zuschauer keinen Laut von sich geben.

Fotografieren ist grundsätzlich erlaubt, aber ohne Blitz.

Und nicht vergessen, bitte vor den Rikishi verbeugen, wenn man den Raum betritt.

In Chiba angekommen und auf diese Art und Weise belehrt, führte uns Herr Steinschaden gezielt durch ein neues Wohngebiet zu einem unscheinbaren Haus, dem Sumo - Stall Sadogatake. Also, nicht irgendein Stall, sondern das Heim von Kotooshu, Kotomitsuki und Kotoshugiku. Ich war völlig aufgeregt und voll aufgedreht. Schließlich sieht man Kootoshu nicht alle Tage so nah!

Vor dem Haus angekommen, wartete unsere Reisegruppe auf Einlass. Ein kurzer Zeitpunkt, um noch ein Erinnerungsphoto vor dem Eingang zu schießen und dann durften wir endlich rein. Der Eingangsbereich sah ziemlich chaotisch aus. Überall standen Sachen herum, Bilder, Unterlagen und nur eine Trennwand schnitt den eigentlich Wohn- und Trainingsraum vom Eingangsbereich ab. Wir traten neugierig ein. Sofort legten einige Rikishi in schwarzen Mawashi einige Sitzkissen auf dem Holzboden aus. Leise setzten wir uns hin und starrten wie gebannt auf den Trainingraum.

In der Mitte des Raumes war ein Ring, in dem gerade zwei Rikishi niederen Ranges kämpften. Rechts daneben befand sich ein Spiegel sowie Holzpfähle. Auf der linken Seite machten sich gerade Kotomitsuki und Kotooshu warm. Das Training ist recht vielfältig. Meist zeigen die Älteren und erfahrenen Kämpfern den Jüngeren die verschiedenen Techniken. Aber am Besten lernt man natürlich im Ring. Daher streiten sich auch die Rikishi im schwarzen Mawashi regelrecht darum, um mit einem Rikishi im weißen Mawashi zu üben. Da werden untereinander schon einmal Ohrfeigen ausgeteilt oder gerangelt und geschubst.

Die Sumotori, die keine Trainingskämpfe absolvierten beschäftigten sich mit anderen Kraft- oder Dehnungsübungen. Einige absolvierten gerade mehrere Shiko. Bei dieser Übung hebt der Rikishi sein Bein seitwärts so hoch wie möglich und stampft anschließend den Fuß mit voller Kraft auf den Boden. Meist bleibt der Rikishi dann noch in der Hocke sitzen um die Oberschenkel zu denen. Manche Sumotori treiben diese Übung regelrecht zur Perfektion. Ein glänzendes Beispiel ist Katayama in der Juryo – Division. Er schafft es sogar sein Bein senkrecht nach oben zu heben, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Während der Wettkämpfe zeigte er diese Kunst sogar im Ring. Die Gelegenheit ein tolles Foto zu schießen.

Das jüngste Mitglied des Sadogatake Heya, gerade 15 Jahre alt, trainierte an diesem Tag das so genannte Teppo. Dabei schlug er mit den Händen immer wieder gegen einen der großen Holzpfähle auf der rechten Seite. Nach geraumer Zeit kam ein älterer Rikishi dazu und trainierte mit ihm gemeinsam. Zuletzt schlugen beide immer wieder mit den Köpfen aneinander. Das hörte ich ziemlich gefährlich an und muss auch weh getan haben. Mir tat der Kopf zumindest schon beim Zuschauen weh. Aber keiner der beiden verzog auch nur eine Mine!

Vor dem Spiegel trainierte ein Kämpfer die klassische Fortbewegung der Sumotori im Ring. Die Füße müssen dabei so nah wie möglich über den Boden gezogen werden, während der Kämpfer sich noch in einer Art Hockstellung befindet. Hebt man die Füße zu hoch, verliert man schneller das Gleichgewicht. Daher rutscht man eher über den Boden, als man geht.

Endlich ging auch Kotooshu in den Ring um für den Nachmittag zu trainieren. Und tatsächlich drängelten sich die Jüngeren darum, einmal mal mit ihm im Ring zu stehen, wenn der Sieger wohl auch von vorn herein feststand. Bevor Kotooshu aus dem Ring trat, absolvierte er noch seine Abschlussübung, das Butsukari – geiko. Dabei versuchte Kotooshu seinen Gegner quer durch den Ring zu schieben, während sich dieser dagegen stemmt. Danach wurde er zur Fallübung spielerisch zu Boden geworfen.

Nur Kotomitsuki stand die ganze Zeit faul in der Ecke rum. Selbst als der Oyakata kam um das Training zu überwachen. Das wurde aber gleich am Nachmittag bestraft, denn Kotomitsuki sollte an diesem Tag seinen Kampf verlieren.

Gegen 10 Uhr war das Training zu Ende. Zum Abschluss reihten sich alle Heya – Mitglieder um den Ring und absolvierten eine letzte Übung, das Matawari. Dazu setzten sich alle im Spagat (!) auf den Boden und versuchten sich so weit zu dehnen, bis Brust und Kopf auf dem Boden aufliegen. Es ist einfach unglaublich, wie gelenkig alle Kämpfer sind. Jetzt wurde noch gemeinsam ein Lied gesungen und dann verschwanden alle im Gemeinschaftsbad. Die Reisegruppe musste nun den Raum verlassen.

Aber nur für kurze Zeit. Für den „lächerlichen“ Betrag von 3000 Yen durften wir zum Essen im Heya bleiben. Es gab ein Chanko - Nabe – Essen. Bereitet aus viel Gemüse und Hünchenfleisch. Die jüngeren Rikishi mussten uns bedienen und brachten uns Getränke und Reis. Gleich am Nebentisch aß Kotooshu! Zur Krönung des Tages gab er auch noch ein Autogramm ins Programmheft!

Gegen Mittag fuhren wir zurück nach Tokio. Herr Steinschaden führte uns nun zum Yokozuna Denkmal.

Wird ein Sumotori in den Rang eines Yokozuna erhoben, so wird eine feierliche Zeremonie im Meiji Schrein vollzogen. In einer zweiten Zeremonie kommt der neue Yokozuna zum Tomioka Hachimangu Schrein im Tokioer Stadtteil Koto. Hier wurde 1900 vom 12. Yokozuna, Jinmaku Kyuguru ein Granitblock aufgestellt, der 3,5 m hoch ist und einen Meter breit. Auf der Rückseite dieses Granitblocks sind die Namen der ersten 45 Yokozuna eingemeißelt. Dann wurde der Block jedoch zu klein und man stellte einen ebensogroßen Granitblock daneben. Nun ist wieder viel Platz für alle Yokozuna ab dem 46. Der letzte Name der Liste ist natürlich Asashoryu.

In der Hauptallee, die zum Schrein selbst führt, befinden sich noch weitere Monumente. Unter anderem Steinpfähle, die Größenmarkierungen der Yokozuna tragen. Kotooshu würde hier gut reinpassen. Daneben Steinblöcke mit Hand oder Fußabdrücken der Yokozuna. Wenn diese Hände wirklich so groß waren, könnte ich mir locker drei Hände, in meiner Größe daraus machen!

Anschließend fuhren wir zurück zum Hotel, denn bald sollten die Kämpfe der Juryu anfangen. Ich sah an diesem Tag das erste Mal den Kokugikan ausverkauft. Dann werden die vier Fahnen über dem  Ring heruntergelassen. Tatsächlich blieb es im Turnier auch sehr spannend. Asashoryu und Ama waren beide gleich auf, mit jeweils nur einer Niederlage. Und Ama gewann auch an diesem Tag gegen Kisenosato. Er ging einfach zur Seite und ließ Kisenosato ins Leere laufen. Er brauchte ihn nur noch von hinten aus dem Ring zu schubsen. Aber es gab noch mehr spannende Kämpfe.

Roho, zum Beispiel, hatte sein Kachi – kochi schon perfekt und machte sich deshalb wohl über seinen Gegner, Kokkai, wenig Gedanken. Kokkai startete ausgezeichnet und konnte den Russen zurückdrängen. Dann wich er nach links aus und konnte Roho mühelos zu Boden werfen.

Kotomitsuki verlor seinen Kampf gegen Tokitenku. Kotooshu bekam eine wohlverdiente Ruhepause, da sich Baruto aufgrund einer Knieverletzung am Vortag zurückzog.

Chiyotaikai griff seinen Gegener Aminishiki mit seinen tsuppari an, trat dann leicht zur Seite und drängte ihn danach einfach aus dem Ring.

Asashoryu griff Miyabiyamas Mawashi und immobilisierte damit den Riesen. Diese Niederlage setzte endgültig ein Ende unter die Beförderungshoffnungen von Miyabiyama.

Nach so vielen Erlebnissen hatten wir natürlich genügend Gesprächsstoff bei einem gemeinsamen Abendessen. Wir beschlossen kurzerhand Sushi essen zu gehen, denn das hatten wir hier in Japan ja erst einmal getan. Eines haben wir sehr schnell gelernt, die besten Restaurants in Japan sind nicht die teuren Edelschuppen in der Stadt. Nein, das beste Essen serviert man in den kleinen Kneipen rund um die Bahnhöfe, die fast ausschließlich von Einheimischen besucht werden. Restaurants, in denen nur Touristen zu finden sind, sind überhaupt nicht zu empfehlen.

Nach einem tollen Essen beschlossen Herbert, ein Mitglied unserer Reisegruppe, und ich noch irgendwo etwas trinken zu gehen. Wir fuhren zunächst mit der U-Bahn bis Ginza. Doch da waren wir völlig fehl am Platze. Wir suchten vergebens eine Bar, in der man genüsslich ein Glas Wein oder einen Cocktail schlürfen konnte. Überall gab es nur Kneipen, in denen man essen konnte. Wir schlugen den Weg Richtung Hotel ein, fanden aber bis zur Ankunft kein Lokal, das uns gefiel. Na dann, Gute Nacht.

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Donnerstag, 21. September 06

Auch an diesem Tag hieß es gegen sechs Uhr morgens aufstehen. Treffpunkt für die Abfahrt nach Nikko war für 7 Uhr 15 geplant. Doch es stellte sich schnell heraus, dass diese von der Reiseleitung angegebene Uhrzeit eine große Fehleinschätzung war.

Herr Steinschaden wartete schon sehr ungeduldig in der Lobby auf uns und dann mussten wir rennen, damit wir die Tobu-Linie am Asakusa Bahnhof noch rechtzeitig erreichen konnten. Das war ein echter Sprint. Zum Glück war die Reiseleitung schon voraus gefahren und hatte die Fahrkarten organisiert. Am Bahnhof wartete wieder Thomas auf uns. Er sollte unser Führer auch an diesem Tag sein.

Die Fahrt nach Nikko war ziemlich lang. Wir waren zwei Stunden unterwegs. Zum Glück hatten wir ja Thomas dabei. Er erzählte uns einige Anekdoten aus seinem Leben in Yokohama. Er brachte uns heute auch einen japanischen Begriff bei – kawai. Kawai bedeutet soviel wie „süss“ oder „niedlich“. Einen Begriff, den vor allem die Japanerinnen sehr häufig verwenden, denn diese finden einfach alles kawai. Kleine Kinder (noch dazu wenn sie blond sind), Hello Kitty Produkte und kleine Hunde. Wenn man durch Tokios Vergnügungsviertel kommt, dann trifft man früher oder später auf Läden, in denen in klitzekleinen Käfigen Hundewelpen versuchen zu überleben. Wenn vor allem ältere Männer mit jüngeren Mädchen weggehen, ist es nicht unüblich, den jungen Frauen Geschenke zu machen. Und die beliebtesten Geschenke sind kleine Hundewelpen.

Da wir uns für deutsche Verhältnisse in normaler Lautstärke unterhielten, für japanische aber viel zu laut, wurde eine Gruppe Schülerinnen auf unser Gespräch aufmerksam. Sie meinten wohl, dass wir uns über sie lustig machten und deshalb stoppten wir unsere Unterhaltung.

Gegen 10 Uhr trafen wir in Nikko ein. Nun standen wir vor der Entscheidung entweder die zwanzig Minuten zum Toshogu - Schrein, der Hauptattraktion in Nikko, zu laufen oder mit dem Bus fahren. Da wir aber 15 Minuten auf die Abfahrt des Busses hätten warten müssen, liefen wir zum Schrein. Thomas erklärte uns auf diesem Weg wie der Schrein entstand.

1634 beschloss Tokugawa Iemitsu seinem Großvater (Ieyasu), dem Begründer der Tokugawa – Dynastie, die Japan 250 Jahre lang regierte, ein Denkmal zu setzen. Er kommandierte unzählige Handwerker nach Nikko, um mit dem Bau der Schreinanlage zu beginnen. Natürlich ist der Bau solch einer Anlage unerhört teuer. Iemitsu verlangte daher Tributzahlung von allen japanischen Schogunen. Die horrenden Summen ließen die Schogune verarmen und nahmen ihnen damit auch jede Möglichkeit sich gegen die Diktatur zu wehren. So sicherte die Tokugawa Dynastie auch gleichzeitig seine Macht. Manche Schogune waren unfähig das viele Geld aufzubringen. Sie ersetzten die Geldspenden durch Sachspenden. So kam es auch, dass ein Schogun Zedern spendete. Ein kleiner Teil dieser Zedern steht auch heute noch.

Von der Hauptstrasse aus kamen wir zunächst an die Shinkyo – Brücke. Sie wurde zur Erinnerung an einen Mönch gebaut, der an dieser Stelle den Fluss auf dem Rücken von zwei Schlangen überquert haben soll. Die Brücke selbst ist heute gesperrt, da auch die Hauptverkehrsstrasse gleich daneben entlang läuft. Diese Strasse überquerten wir nun. Auf der anderen Straßenseite führt eine Steintreppe durch den Wald hinauf zum Schrein. Auf dieser Treppe trafen wir einen netten älteren Herrn, der uns sofort den Kauf eines Plans von Nikko in der Größe A3 anbot. Nur Christine opferte sich, einen Plan zu kaufen. Der nette Japaner bedankte sich und wünschte ihr einen guten Tag. Ganz nach dem Motto, wer diesen Plan besitzt wird auf alle Fälle einen schönen Tag verleben. Bei allen anderen ist das eher unwahrscheinlich.

Wir folgten nun der breiten Zedernallee, der Omote-sando, Strasse zum Rinnoji-Tempel. An diesem Tempel gingen wir jedoch vorbei. Thomas erklärte uns, dass in diesem Tempel der Buddha des westlichen Paradieses steht. Der Rinnoji ist ein berühmter historischer Tempel, an dem während der Kamakura – Zeit Prinzen aus der Kaiserfamilie als Priester wirkten. Überall auf diesem Tempelgelände stehen Gebäude und Pagaoden unterschiedlicher Größe. Eines der Gebäude, Sanbutsudo, ist 32 m breit uns 25 m tief und damit das größte Gebäude innerhalb des Komplexes. Das Gebäude ist außen mit rotem Lack bemalt. Genau in diesem Gebäude stehen drei goldene Buddha – Statuen, jede davon acht Meter hoch.

Wir liefen die Allee weiter hinauf zum großen Granittor, Ichi – no –torii. Es ist das größte steinerne Schreintor in Japan. Einst war es nur den Adelsmitgliedern gestattet, das Tor zum Toshogu - Schrein zu durchschreiten. Wir befanden uns auf einem weiten Platz. Links von uns erblickten wir die Gojunoto – Pagode. Sie ist etwa 35 m hoch und mit rotem Lack bemalt. Am untersten Stockwerk sind die zwölf Tiere des chinesischen Jahreszyklus zu sehen. Generell für den Toshogu Schrein gilt, dass er eher an einen chinesischen Tempel erinnert. Er ist sehr aufwendig gestaltet, mit vielen kräftigen Farben und vielen Schnitzereien. Für Japan sind farbenprächtige Tempel und Schreine ja eher unüblich. Doch genau diese Farbgebung brachte das japanische Sprichwort hervor: „Sag nie prächtig (kekko), bevor du nicht Nikko gesehen hast.“

Wie in allen Pagoden, so soll auch in dieser hier ein Relikt von Buddha liegen. Ich glaube, in Nikko soll ein Zahn liegen.

Auf dem Platz mit der Pagode mussten wir uns nun endgültig entscheiden, welche Gebäude wir uns anschauen wollten. Danach richtete sich nämlich der Eintrittspreis. Da aber das Kombiticket am preiswertesten war, beschlossen wir dieses zu nehmen und so viele Gebäude wie möglich anzusehen. Wir stiegen die kurze Steintreppe hinauf und durchschritten das Omote – mon. Natürlich mussten wir hier an den grimmig dreinschauenden Deva – Königen, den Tempelwächtern, vorbeigehen. Vor uns lag nun eine einfache Lagerhalle. Überall standen steinerne und bronzene Laternen. Thomas erklärte uns jedoch, dass es sich dabei nicht um Gartenlaternen handelt, sondern um Urnen. Die einfachen aus Stein sind für den einfachen, die aus Bronze für den höheren Adel.

Links neben den Hauptweg steht nun der Shinkyusha Stall mit seinen acht Affen Skulpturen, die verschiedene Aspekte im Leben der Menschen darstellen. Besonders berühmt sind die drei Skulpturen, die die Kindheit zeigen: Einer der Affen hält sich die Augen zu, der zweite seine Ohren und der dritte seinen Mund. Zusammen repräsentieren sie die moralischen Gebote: „Schaue nichts Böses, höre nichts Böses, sprich nichts Böses.“

Im mittleren Hof konnten wir noch die rotierende bronzene Laterne bewundern. Sie war eigentlich ein Geschenk der niederländischen Regierung an Japan. Allerdings unterliefen dem Künstler peinliche Fehler! Das Wappen der Tokugawa, drei Malvenblätter, steht auf dem Kopf. Wenn ich mich recht erinnere wurde die Laterne auch noch verkehrt herum eingebaut. Das tut der Schönheit allerdings keinen Abbruch.

Wir gingen nun weiter zum Yomei-mon Tor, welches in den inneren Hof führt und zugleich das prächtigste Tor des gesamten Schreins ist. Dieses zweistöckige Turmtor ist elf Meter hoch und mit 508 Skulpturen verziert. Jede einzelne ist mit ihren leuchtenden Farben ein kleines Meisterwerk. Um durch die Einzigartigkeit nicht den Neid der Götter heraufzubeschwören, haben die Erbauer absichtlich kleine Schönheitsfehler eingeplant. Einige der Schönheitsverzierungen unterbrechen die sonst so perfekte Symmetrie.

Als krasser Gegensatz zum gerade gesehenen Tor wirkt das dahinter liegende Tor Karamon in Gold und Weiß. Man kann sich hier nach Belieben umschauen oder gleich nach rechts dem rot lackierten Wandelgang zuwenden. Hier befindet sich noch eine berühmte Schnitzerei des Schreins. Es handelt sich schlicht um eine schlafende Katze. Das besondere daran: eine Legende besagt, dass diese Katze so lebensecht geschnitzt worden sei, dass Mäuse oder Ratten noch nie im Schrein gesehen wurden. Das Tor mit der Katze bildet den Eingang zu einem Treppenaufgang mit 207 Stufen, hinauf zum Grabmal des Ieyasu.

Das Grabmahl ist recht schlicht im Gegensatz zum Rest des Tempels. In der Mitte des Platzes befindet sich die Urne aus Bronze. Mehr gibt es hier aber auch nicht zu sehen. Dafür sind innerhalb der Tempelanlage aber noch drei andere Hauptgebäude, die es sich lohnt anzusehen. Das Deckengemälde des Haiden (Gebetshalle) zeigt einhundert Drachen, von denen jeder eine andere Gestalt hat. Noch schöner ist der Nakiryu, der dröhnende Drache. Er befindet sich in der Honjido Halle. Wir mussten vor dem Eintreten zunächst unsere Schuhe ausziehen. Ehrlich gesagt, fand ich das nicht nur aus religiöser Sicht toll. Natürlich werden die Hallen barfuss viel weniger abgenutzt als mit Schuhen. Außerdem geht man dadurch leiser und andächtiger durch die heiligen Hallen.

Wir wurden durch einen eher langweiligen Mönch in die Honjido Halle geleitet. Dort hielt er nun eine kurze Rede auf Japanisch. Wir verstanden natürlich kein einziges Wort. Wir verstanden nur, als der Mönch zwei Klanghölzer nahm und sich an eine bestimmte Stelle im Raum stellte. Dort schlug er die Klanghölzer aneinander. Alle Blicke gingen automatisch nach oben zu dem riesigen Drachen an der Decke. Denn dieser fing an zu dröhnen und zu zittern. Und dann war der Spuk auch schon wieder vorbei. Unsere Gruppe wurde aus dem Raum geleitet und die nächsten Menschen stürmten den Saal.

Nun wurde die Zeit schon wieder knapp, wir rannten förmlich zur Grabstätte des Iemitsu. Heute reichte die Zeit für gar nichts aus. Die Grabstätte des Enkels war weniger aufwendig gearbeitet und etwas abgelegen. Sie begeisterte uns nicht durch den Prunk, sondern durch die Ruhe und Stille mitten zwischen den hohen Zedern.

Nun mussten wir uns aber wirklich beeilen. Wir liefen so schnell es ging hinab zur Bushaltestelle und nahmen den Bus hinauf zum Chuzenji-ko See. Die Fahrt selbst dauerte 45 Minuten. Zum Glück hatten wir noch nicht zu Mittag gegessen, denn die Serpentin Landschaft machte uns etwas zu schaffen. Dazu verfolgten wir mit zweifelndem Blick die Veränderung des Wetters. Oben am See angekommen war nichts zu sehen. Dicker Nebel umgab uns und es war recht frisch geworden. Da alle Hunger hatten, beschlossen wir einen schnellen Imbiss zu halten. Alle hatten Lust auf Nudeln. Ein Restaurant war entlang der Hauptstrasse schnell gefunden und wir wählten problemlos jeder ein Gericht am Schaufenster aus. Scheinbar war die Kellnerin hier an Touristen gewohnt. Freundlich lächelnd schrieb sie jedem sein Gericht auf einen Zettel und wir begaben uns in die erste Etage. Dort bezahlte jeder sein Gericht und wir wurden kantinenmäßig bedient. Aus Thermoskannen servierten wir uns heißen Tee und plauderten munter drauflos, bis wir feststellten, dass uns nur noch eine halbe Stunde Zeit blieb, bevor der Bus zurück zum Hauptbahnhof fuhr. Wir ergriffen also schnell unsere Tabletts und wollten sie in der Küche abgeben. Soviel Höfflichkeit waren die Japaner nicht gewohnt. Aufgeregt kamen sie uns entgegen um uns die Tabletts abzunehmen.

Wir eilten die Hautstrasse hinauf zum Kegon Wasserfall. Dies ist der berühmteste Wasserfall Japans, aber nur der dritt höchste. Es scheint als würde jedes Kind diesen Wasserfall kennen und zeichnen können. Das Wasser des Chuzenji-ko fällt hier ohne Stufen von einer scharfen Klippe 97 Meter in die Tiefe. Für seine Höhe ist der Wasserfall recht schmal und dadurch hat man den Eindruck, das Wasser dröhnt. Leider sahen wir so gut wie gar nichts, da der Nebel am Wasserfall zu dicht war.

Soweit so gut. Wir rannten nun wieder zurück zur Bushaltestelle und stellten uns hinter den bereits wartenden Japanern an. Komischerweise fuhr der Bus sehr weit vor, was dazu führte, dass unsere Gruppe nun sofort am Buseingang stand. Wir wollten schon einsteigen, da hielt uns Thomas zurück. Da wir als letztes an der Bushaltestelle angekommen waren, wäre es sehr unhöflich gewesen, vor den Japanern einzusteigen, auch wenn die Schlange nun verkehrt herum stand. Wir schritten also lächelnd beiseite, was aber keinem der Einheimischen so recht auffiel. Am Eingang mussten wir noch die Fahrkarte ziehen (obwohl wir schon bezahlt hatten) und setzten uns. Die Rückfahrt war schlimm. Auf den engen Serpentinen, nahe des Abgrundes fuhr der Fahrer zügig hinab nach Nikko. An jeder Haltestelle wurden mehr und mehr Fahrgäste eingeladen. Nun wurden schon die Sitze im Mittelgang ausgeklappt. Christine und mir wurde ziemlich schlecht und wir waren froh nach einer Stunde am Hauptbahnhof angekommen zu sein.

Wir nahmen den Schnellzug zurück nach Tokyo. Alle waren total geschafft. Nicht nur, dass wir unheimlich viele tolle Sehenswürdigkeiten betrachtet haben, aber wir haben den ganzen Tag gehetzt und waren recht abgekämpft. Ein guter Grund also sich bei einem gemeinsamen Abendessen zu stärken. Wir beschlossen wieder, in eine der winzigen Garküchen am Ryogoku Bahnhof zu gehen. Wir standen vor dem Lokal und lasen das Plakat. Jeder von uns wählte sich ein Gericht aus. Anschließend gingen wir ins Lokal. Dort zogen wir an einem Automaten ein Kärtchen mit unserem Gericht, setzten uns an einen Tisch und die nette Bedienung servierte uns bald darauf die wirklich leckeren Reis- und Nudelgerichte. Unterdessen erzählte uns Herbert alle wichtigen Sumokämpfe des Tages. Unter anderem gab es einen starken Kampf zwischen Chiyotaikai und Asashoryu. Beide kämpften verbittert und Asashoryu fing an Chiyotaikai Ohrfeigen zu verpassen. Daraufhin wurde Chiyotaikai offensichtlich wütend und zog Asashoryu am Kopf nach unten. Asashoryu verlor den Kampf, war aber mit dieser Entscheidung nicht so recht einverstanden. Tatsächlich kann man auch in den Filmaufnahmen nicht sehen, ob Chiyotaikai nicht etwa doch an den Haaren gezogen hat.

Ich verbrachte nach dem Abendessen noch eine Stunde damit meine Eltern am Telefon zu erreichen. Diesmal wusste ich ja wie man in Japan telefoniert. Leider war unsere Telefonanlage kaputt und ich versuchte eine Stunde vergebens zu Hause jemanden zu erreichen.

Dafür passierte mir aber etwas anderes. Als nach endlosen Versuchen doch noch eine Verbindung nach Deutschland bekam, blickte ich nichts ahnend auf die Strasse und mich traf fast der Schlag. Da saß mir fast gegenüber ein junger Mann, fast zwei Meter groß, mit schwarzen Haaren und telefonierte in einer undefinierbaren slawischen Sprache per Handy. Ich überlegte: ist das Kotooshu oder nicht. Er sah zum Verwechseln ähnlich aus. Ich hing den Hörer ein und verließ die Telefonzelle. Wir standen uns direkt gegenüber und schauten uns einen Augenblick beide etwas ungläubig an. Da aber nichts geschah und ich nicht recht wusste, ob es nun wirklich Kotooshu ist oder nicht, ging ich weiter und bog ab ins Hotel. Oben im Zimmer hätte ich mir in den Hintern beißen können. Wenn er es nun wirklich war? Und ich habe die Möglichkeit nicht genutzt ihn auch nur fünf Minuten privat zu sprechen? Mist. Ich überlegte kurz und entschloss mich wieder runter zu gehen. Die Chance muss man einfach nutzen! Also wieder raus. An der Rezeption wurde ich schon ungläubig angeschaut, denn das war schon das dritte oder vierte Mal an diesem Abend, dass ich an dem freundlich lächelnden Personal vorüber ging. Und tatsächlich, kaum zu glauben, als ich aus der Türe vom Hotel trat, stand der große Unbekannte da, mit einem weiteren Sumoringer und umringt von einer Horde Frauen. Das gleiche Spiel wie vorhin. Wir schauten uns beide ungläubig an. Er machte noch einen langen Hals, aber ich traute mich wieder nicht etwas zu sagen, da offensichtlich schon andere Frauen die Gelegenheit nutzten. Naja, wieder ins Hotel gehen wollte ich auch nicht gleich. Deshalb beschloss ich noch eine Runde um den Block zu gehen. Auf dem Rückweg kam ich an einem großen Baum vorbei, unter dem Baum war eine Bank und, komischer Zufall, darauf saß mein Sumoringer und aß Eis mit seinem Freund. Aller guten Dinge sind drei. Wir schauten uns wieder an, aber diesmal winkte er mich zu sich. Ich natürlich hin, mit viel viel Herzklopfen. Es stellte sich aber heraus, dass es nicht Kotooshu war (leider), aber ein anderer russischer Kämpfer (daher vielleicht die große Ähnlichkeit). Ein Gespräch war uns leider unmöglich, da er nur Japanisch und Russisch sprach und ich weder mit Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch weiter kam. Schade, weil alle beide super nett und lustig waren. Nach kurzem Geplänkel mit Händen und Füssen verabschiedete ich mich, ging für heute das letzte Mal an der Rezeption vorbei und schlief wenigstens mit der Gewissheit ein, dass ich den Versuch, einen Kämpfer persönlich kennen zu lernen, nicht vergeblich unternommen hatte.

Freitag, 22. September 06

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So langsam entwickelte sich diese Japan-Reise zur Arbeit statt zum Vergnügen. Herr Steinschaden machte uns den Vorschlag in Tokyo den Tsukiji Fischmarkt zu besuchen. Tsukiji ist schließlich der größte Fischmarkt weltweit. Das war zwar eine sehr gute Idee, leider mussten wir dafür aber gegen fünf Uhr aufstehen, da es schon um sechs Uhr losging.

Wir nahmen die U-Bahn bis zur Haltestelle Tsukijishijo und eilten zum Fischmarkt. Dort beginnt der Tag eigentlich schon morgens um 2 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt werden Fische und Meerestiere aus dem ganzen Land hierher gebracht. Zum Teil bereits schockgefrostet. Gegen fünf beginnt dann die Fischauktion, bei der die Großhändler Tokios den Tagesbedarf der Hauptstadt versteigern.

Wir liefen zur Auktionshalle. Auf dem Boden lagen tiefgefrorene Thunfische in allen Größen (angefangen von 50 cm Länge bis 1,5 m Länge). An der Schwanzflosse war ein keilförmiges Stück herausgetrennt. Ab uns zu kamen die Interessenten zu einem Fisch, nahmen den Keil weg und prüften die Qualität des Fisches, indem sie Maserung und Farbe des Fleisches begutachteten. Etwas weiter, stand der Leiter der Auktion auf einer Palette und rief in einer undefinierbaren Sprache die Fische aus. Genauso unverständlich waren die Gebote, die aus der Gruppe von Großhändlern abgegeben wurden. Sobald ein Fisch versteigert war, kamen Arbeiter mit Karren, zogen die Meeresriesen auf den Karren und schleppten ihn fort.

Als Tourist steht man an diesem Platz natürlich immer im Weg. Der Fischmarkt ist schließlich nicht in erster Linie eine Attraktion, nein, die Arbeiter leisten hier tagtäglich einen absoluten Knochenjob. In einem scheinbar undefinierbaren Durcheinander fahren kleine Wagen mit Kisten bestapelt durch die Gegend. Dabei wird auf Fußgänger, besonders auf Fotos schießende Touristen, keine Rücksicht genommen. Da wird man auch schon mal unsanft beiseite geschupst. Und sollte einmal ein Tourist in Tokyo überfahren werden, dann sicher hier an diesem Ort.

Ist die Versteigerung der Großhändler zu Ende, dann kommen die Einzelhändler aus ganz Tokyo und erwerben den Tagesbedarf für die vielen Garküchen und Restaurants. Wir schlenderten nun durch tausende von Fischständen, die die eben ersteigerte Ware feil boten. Ein so reichhaltiges Angebot an allem was das Meer hergibt, habe ich noch nie gesehen. Herr Steinschaden wies uns auf eine Kiste mit dunkelroten Fleischstücken hin. Als unwissender würde man daran vorbeilaufen. Tatsächlich handelte es sich bei diesem Fleisch um Walfisch! Es ist zwar verboten Walfische zu fangen, aber hier wird man eines Besseren belehrt.

Gegen halb acht verließen wir den Fischmarkt und schlenderten durch das angrenzende Viertel, in dem sich unzählige Läden befanden. Hier wird alles verkauft, was mit Fisch zu tun hat. Von Gewürzen bis hin zu Früchten und Gemüse. Gleich daneben gibt es die besten Sushi Küchen Tokios. Denn hier wird der eben ersteigerte Fisch sofort verarbeitet. Wer also Lust auf ein Sushi Frühstück hat wird hier sein Glück finden.

Wir gingen zurück zur U-Bahn und fuhren zurück nach Ryogoku. Herr Steinschaden hatte einen weiteren Besuch in einem Heya für uns organisiert. Wir liefen circa eine halbe Stunde quer durch das Viertel, bevor wir an einem Wohnhaus ankamen. Die Fenster im Erdgeschoss standen offen und aus dem Inneren drangen bekannte Geräusche, wie das Aneinanderklatschen zweier Körper, heraus. Die Eingangstür stand offen und wir traten ein. Natürlich Schuhe ausziehen und Verbeugen vor den Rikishi nicht vergessen! Wir setzten uns still hin und beobachteten gespannt das Treiben. Hier ging es offensichtlich schon etwas strenger zu, als bei Sadogatake. Jedenfalls stand keiner der Kämpfer herum. Alle waren eifrig beschäftigt. Der Star des Heya, Chiyotaikai, trainierte ebenfalls. Die Übungen waren die gleichen wie bei Sadogatake.

In der Mitte des Ringes trainierte ein ungewöhnlicher Kämpfer. Ich wollte erst meinen Augen nicht trauen. Der Kämpfer war spindeldürr und drahtig. Dafür besiegte er durch Intelligenz und Technik die meisten seiner schwergewichtigen Gegner. Für mich doch recht unbegreiflich. Herr Steinschaden erklärte uns, dass er diesen Kämpfer bereits seit mehreren Jahren beobachte. Seine Technik ist wirklich unschlagbar. Er hat leider das Problem, dass er scheinbar magersüchtig (!!) ist. Dadurch kann er kein Gewicht aufbauen und sollte sich diese Situation nicht ändern, wird er wohl nie die Chance bekommen aufzusteigen. Denn immer, wenn sein Gegner ihn am Mawashi ergriff, hatte der schlanke Kämpfer verloren. Er wurde dann einfach hochgehoben und aus dem Ring gesetzt.

Chiyotaikai war mir auch sehr sympathisch. Er stand einen Teil des Trainings in einer Ecke und unterhielt sich mit einem Kameraden. Dabei lachten beide quietsch vergnügt. Wirklich nett.

Nach Abschluss des Trainings verließen wir die Halle. Am Hinterausgang stand die Gruppe der schwitzenden Rikishi. Sie tummelten sich ein wenig zur Entspannung in der ruhigen Nebenstrasse. Wir beobachteten das Treiben und sie beobachteten uns. Herr Steinschaden lies uns noch eine Weile warten. Eigentlich warteten wir darauf das Chiyotaikai herauskam und sich vielleicht mit dem einen oder anderen fotografieren lies. Leider hatte er am Vortag verloren und kam deshalb nicht aus seinem Versteck. Das wäre ein Super Souvenir gewesen.

Gegen Mittag liefen wir zurück zum Hotel. Dabei zeigte uns Herbert einen Tempel, der sich in einem benachbarten Park in Ryogoku befand. Den Tempel selbst besichtigten wir nicht, dafür zog aber ein anderes Schauspiel unsere Blicke auf sich. Vor dem Tempel tummelten fast 60 kleine Knirpse. Genauer gesagt waren es zwei Schulklassen, vermutlich in der ersten Klasse. Die Klassen trugen verschieden Mützen und die Betreuer animierten die kleinen zum Sportunterricht. Wir schauten eine Weile zu. Auf dem Boden hatten die Aufseher für jede Klasse ein rundes Tuch ausgebreitet. Auf Kommando, welches durch ein Megafon von einem der Betreuer gegeben wurde, liefen die Kinder auf die Tücher zu und bildeten ein Kreis rundherum. Neues Kommando, die Kinder ergriffen die Tücher und hoben sie in die Höhe. Drittes Kommando, alle zum Zentrum des Kreises gehen. Dadurch sammelte sich die Luft unter dem Tuch und es blähte sich auf wie ein Ballon. Viertes Kommando, die Kinder legten das Tuch wieder ab, ohne dass die Luft vorher entweichen konnte. Sie setzten sich anschließend auf den Rand der Tücher und hielten die Luft unter dem Tuch gefangen. Das ganze Schauspiel wurde zweimal wiederholt.

Auf dem Weg von der Sportstunde zum Hotel zeigte uns Herbert noch eine weitere seiner Entdeckungen. Wir kamen zu einer kleinen Nebenstrasse. Dort stand ein schmales hohes Gebäude. Bei näherem Hinsehen stellten wir fest, das es ein Parkhaus war. Und zwar funktioniert das wie folgt. Das Auto fährt in das Parkhaus hinein. Eigentlich fährt das Auto damit auf einen Stellplatz, denn das Gebäude ist geradeso tief wie ein Wagen. Der Fahrer steigt aus und kann den Wagen abschließen. Das witzige daran: in dem Gebäude ist eine Art Pater Noster eingebaut. Die Autos stehen auf den verschiedenen Stellplätzen und werden nach oben transportiert, immer im Kreis. Wenn man wieder wegfahren will, meldet man sich beim Pförtner. Er bedient den Fahrstuhl und lässt ihn so lang fahren, bis das gewünscht Auto unten am Ausgang steht. Der Fahrer steigt ein und fährt rückwärts nach draußen. Nun befindet er sich auf einer Drehscheibe. Diese wendet den Wagen und man fährt vorwärts weg, ohne großartige Lenkmanöver zu vollziehen. Also eine echte Erfindung für Auto fahrende Frauen.

Herbert führte uns noch durch einen kleinen Park zurück zum Hotel. Jeder ging auf sein Zimmer und nutzte einen Augenblick um etwas Schlaf nachzuholen und zu entspannen. Ich fuhr mit Herbert noch einmal zum Asakusa Tempel. Wir waren kurz auf Souvenirjagd, aber das Richtige war nicht so recht dabei. Nächster Treffpunkt für den Nachmittag: der Kokugikan.

Viele tolle Kämpfe wieder an diesem Tag. Kokkai, zum Beispiel, drängte seinen Gegner Futeno an den Rand, wäre aber beinahe zu Boden gestürzt, als sich Futeno plötzlich links wegdrehte und Kokkai mit dem Rücken zu ihm stand. Der Georgier konnte sich aber wieder gegenüber stellen und hob Futeno aus dem Ring. Kotomitsuki griff sofort nach Rohos Mawashi. Er hob ihn mehrmals an und Roho verlor das Gleichgewicht. Er hüpfte auf einem Bein aus dem Ring und Kotomitsuki gewann. Auch Kotooshu hatte einen Plan. Aus der Hocke sprang er auf, griff rechts nach Tochinonadas Gürtel und warf ihn zu Boden. Tochinonada versuchte zwar zunächst Kotooshu herunterzuziehen, aber seine Hand verfing sich dabei in Kotooshus Haaren. Er zog seine Hand schnell wieder zurück und besiegelte damit seine Niederlage.

Der größte Kampf des Tages war aber Ama gegen Asashoryu. Ama ging leicht nach links, aber Asashoryu griff von außen an den Mawashi, zwang ihn dazu rückwärts zu gehen. Ama stolperte dabei nach hinten und fiel aus dem Ring.

Zum Abendessen gingen wir wieder in die kleine Sushibar am Bahnhof. Abschiedsstimmung machte sich schon langsam breit. Und so zog sich jeder nach dem Essen in seine Gemächer zurück. Ich sah fern. Das Fernsehen zeigte „Fast & Furious“. Interessant diesen Film auf Japanisch zu sehen. Wie im deutschen Fernsehen werden die Filme regelmäßig für die Werbung unterbrochen. Als der Film nach einer Pause fortgesetzt wurde, wurde eine Nachricht auf Englisch eingeblendet. Der Film wurde tatsächlich im Zweikanalton übertragen. Ich drückte nun alle Tasten auf der Fernbedienung (die ja auch auf Japanisch war) und fand tatsächlich die Taste, um auf den zweiten Tonkanal umzustellen. Ich sah mir also den Film in der Originalversion zu Ende an.

Samstag, 23. September 06

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Heute standen verschiedene Programme auf dem Plan. Während der Rest der Reisegruppe heute einen dritten Sumo - Stall anschaute, war es für mich gegen 7 Uhr Zeit zum Bus zur Hamamatsucho Station aufzubrechen. Ich wollte mir heute den Fuji ansehen.

Der Fuji ist nur 120 km weit von Tokyo entfernt. Bei guter Sicht kann man ihn sogar vom Rathaus in Shinjuku aus sehen. Jeder Japaner muss wohl einmal in seinem Leben den Fuji bestiegen haben. Leider ist das nur in den Sommermonaten möglich, da nur zu dieser Zeit die Bergstationen, sieben an der Zahl, geöffnet sind.

Es ging also mit dem Bus los. Leider war sehr viel Verkehr auf der Strasse und so standen wir zunächst im Stau. Eine geschlagene Stunde. So dauerte die scheinbar endlose 3-Stunden-Fahrt noch länger. Unsere Reiseleiterin meinte es wohl sehr gut mit uns. Sie überschüttete uns mit Informationen über das japanische Verwaltungssystem. Insbesondere wurde uns jede Region und jede Kommune, die wir gerade durchfuhren, im Einzelnen vorgestellt. Einwohnerzahlen, Industrie, Größe und so weiter. Nach den ganzen Informationen schwirrte uns allen schon der Kopf. Zur Abwechslung zeigte uns die Reiseleitung ein Origami..... ohne Kommentar.

Nach dreieinhalb Stunden kam der Fuji endlich näher. Die Reiseleitung erklärte uns, dass wir schon viel zu spät dran seien und sie dadurch den Zeitplan etwas umstellen müsste. Wir fuhren aus diesem Grund nach einer kurzen Toilettenpause auf die 5. Bergstation hinauf. Dort lies man uns ganze 15 Minuten Zeit, um den Fuji nun in allen Richtungen zu fotografieren. Wir hatten Glück. Der heilige Berg gab uns die Ehre, zeigte sich in voller Schönheit. Sogar die Wolken, die bisher sein Haupt bedeckten, zogen nun zur Seite.

Leider blieb uns keine Zeit um die Aussicht etwas zu genießen, denn wir wurden sofort wieder in den Bus verfrachtet. Wie das aber mit Reisegruppen nun mal so ist, es gibt immer zwei, drei Personen, die nicht pünktlich sind. Natürlich war das auch heute der Fall. Die japanische Reiseleitung bekam regelrechte Angstzustände, als nicht alle Leute anwesend waren. Wir mussten fast noch mal 15 Minuten auf die ausstehenden Leute warten. Das war dann wohl auch der Reiseleitung zuviel.

Nächstes Ziel: Mittagessen in einem Restaurant in einem Hotel am Fuße des Fuji. Zum Hotel fuhren wir nun wieder 15 Minuten. Auf dieser Fahrt sang uns die Reiseleiterin das Fuji-Lied vor. Zunächst auf Englisch und dann auf vielfachen Wunsch der Touristen auf Japanisch. Nach diesem kulturellen Erguss kamen wir auch schon im Hotel an. Wir hatten genau 60 Minuten Zeit zum Essen und auch hier musste der Zeitplan peinlich genau eingehalten werden. Kaum hatten sich alle auf einen Platz gesetzt, stürzten auch schon die ersten wieder aus dem Raum, hinaus auf die Hotelterrasse um noch ein Foto vom Fuji zu schießen. Der erste machte es vor und alle anderen folgten. Das wiederum hatte zur Folge, dass es wieder Verzögerungen mit dem Servieren der Speisen gab. Beim Essen gab es außerdem noch Probleme. Einige Mitglieder der Reisegruppe hatten ein vegetarisches Gericht bestellt. Darauf war das Hotel wohl gar nicht vorbereitet und so bekamen diese Leute kurzum gar nichts zu essen.

Nach dem Essen ging ich nun auch einmal hinaus auf die Terrasse. Der Fuji hatte sein Haupt wieder aus den Wolken gezogen und neben mir stand ein junger Mann, der sich auch sofort bereit erklärte ein Foto von mir zu schießen. Die Hektik zu Beginn des Mittagessens war also völlig vergeblich gewesen. Noch ein kurzer Toilettenstopp und schon hieß es wieder einsteigen in den Bus. Nächster Halt Hakone.

Auf der Fahrt nach Hakone zog das schlechte Wetter auf. Es wurde etwas kühler und sehr sehr windig. Daher teilte uns die Reiseleiterin mit, die Seilbahn auf den Berg Sounzan sei bei diesem Wind außer Betrieb.

Wir wurden zunächst zum See Ashinoko gefahren. Dort mussten wir noch zwanzig Minuten warten, um mit der Fähre quer über den See nach Moto-Hakone überzusetzen. Das Besondere an diesem See, die Touristenboote sind Piratenbooten nachempfunden. Eine hübsche Idee für die Kinder.

Die Überfahrt dauerte nur circa 15 Minuten. Danach mussten wir schon wieder aussteigen. Da nun die Seilbahn offensichtlich nicht fuhr, entschied sich die Reisegruppe als Alternative ein Museum anzuschauen. So besuchten wir das Narukawa Museum. Es hat sich auf Nihonga spezialisiert. Nihonga sind Gemälde im japanischen Stil. Diese Kunstrichtung entstand in der Meiji-Zeit. Es wird viel Natur dargestellt, teils mit sehr kräftigen Farben, im so typischen japanischen Stil. Zum Museum gehörte noch ein Wintergarten von dem aus man auf den See blicken konnte. Sehr gut zu sehen war das malerische rote Torii des Hakone Schreins. Der Schrein selbst liegt in dem Wald dahinter. Man konnte ihn daher nicht sehen.

Nun folgte der eigentliche Höhepunkt des Tages. Der Bus fuhr mit Volldampf zum Bahnhof. Wir bekamen eine Fahrkarte und mussten zum Bahnsteig rennen. Und da stand auch schon unser Zug! Nicht irgendein Zug! Der Shinkansen!

Wir fuhren tatsächlich mit dem absoluten Schnellzug nach Tokyo zurück. Für die Strecke, für die wir am Morgen 3 Stunden gebraucht hatten, benötigte der Schnellzug nur knapp 45 Minuten. Und das mit einem Zwischenstopp. Leider konnten wir draußen nichts erkennen, da es bereits dunkel war. Auf diese Weise wird einem das Tempo gar nicht so recht bewusst.

In Tokyo angekommen verlief sich die Reisegruppe sofort. Jeder kehrte zu seinem Hotel zurück. Das schöne, die Fahrkarte des Shinkansen ist auch für die U-Bahn und S-Bahn gültig. An der Station Ryogoku angekommen suchte ich meine Fahrkarte um eventuell nachzulösen und um die Station zu verlassen. Überraschung, ich hatte sie wohl verloren. Noch einmal suchte ich alle Taschen durch. Mist, keine Fahrkarte zu finden. Ok, dann muss ich wohl der Dame am Schalter versuchen klar zu machen, dass ich die Fahrkarte verloren habe. Also ging ich hin und redete auf die Dame ein. Sie meinte nur Gaigijn und winkte mich durch. Puhh, das wäre geschafft. Ich ging zum Hotel um mich erst mal auszuruhen, klopfte noch einmal nebenan bei Herbert und Christine. Die beiden hatten eine Menge Werbegeschenke von Herrn Steinschaden erhalten. Sie erzählten vom letzten Besuch im Heya und ich erzählte vom Fuji. Dabei griff ich in meine linke Hosentasche. Ups, da war meine Shinkansen Fahrkarte. Naja, so hatte ich wenigstens noch ein Andenken an diese Fahrt!

Nach dem Abendessen beschlossen Herbert, Rando und ich in die Innenstadt zu fahren. Wir wollten uns den jungen Stadtteil Shinjuku ansehen. Zunächst fuhren wir drei mit der U-Bahn zur Station Aoyamaitchome. Doch als wir an der Station ankamen und zurück an die Oberfläche gingen, fanden wir nur gähnende Leere vor. Von der angeblichen Barmeile und dem Nachttreiben keine Spur. Zunächst standen wir daher ratlos auf der Kreuzung und wussten nicht in welche Richtung wir weitergehen sollten. Wie gesagt von Vergnügen war nirgends eine Spur. Etwas ratlos schauten wir zunächst in der Gegend herum. Jeder von uns dreien schlug eine andere Richtung vor. Entschieden wurde die Streitfrage dann von einem Polizisten aus der Wache an der Ecke. Er wies uns die Richtung gen Westen und wir streunten die Strasse entlang. Dabei kamen wir noch am Chichibunomia Rugby Ground vorbei. Dort lief gerade ein Spiel und der Lärm dröhnte zu uns auf die Strasse hinaus. Wir liefen weiter und kamen zur Kreuzung mit der Omotesando Avenue. Das sind zweifelsohne die Champs Elysées von Tokyo. Ein Designerladen reiht sich hier an den nächsten. Am Ende der Strasse liegt der Eingang zum Meiji - Schrein. Als wir hier ankamen, war zwar schon mehr los, aber von prickelndem Nachleben immer noch keine Spur. Wir schmiedeten kurz entschlossen einen neuen Plan.. Und der hieß, mit der Bahn nach Shinjuku. Auf dem Bahnsteig zog eine junge Japanerin unsere Blicke auf sich. Die Dame war ganz schneeweiß gekleidet. Nicht weiter ungewöhnlich. Aber über der Jacke trug sie eine dicke fette Metallkette, mehrmals um den Körper geschlungen und die Enden mit einem Vorhängeschloss zusammengeschnürt. Wir wussten, dieser jungen Person sollten wir folgen, wenn wir dem Nachtleben näher kommen wollen. Gesagt getan. Wir stiegen mit dem weißen Erzengel an der Station Shinjuku aus.

Zum Glück waren wir heute schon fast eine Woche in Tokyo und erfahren in Sachen U-Bahn. Denn an diesem Abend war in der Shinjuki Station wirklich die Hölle los. Das Treiben erinnerte an einen menschengroßen Ameisenhaufen. Alles wirbelte wild, aber auch wieder geordnet, durcheinander. Wir kämpften uns bis zum Ausgang und das Nachtleben lag vor uns. Tausende Jugendliche strömten in die Strassen. Überall blitzen und blinkten Lichter, Reklameschilder.

Leider waren wir auch hier wieder fehl am Platz. Eigentlich wollten wir in einer Bar noch etwas trinken. Leider waren alle Bars, die wir sahen, Stripbars oder Table Dance Bars. Naja, meine beiden Begleiter hätten da wohl mal reingeschaut, wenn sie allein gewesen wären, aber ich war nicht besonders scharf darauf. Nach einer Weile fanden wir ein kleines Cafe. Völlig verzückt stürmten wir das Lokal und setzten uns an den ersten freien Tisch, in der ersten Etage. Natürlich kam sofort ein Angestellter. Aber nicht um uns zu bedienen, sondern um uns mitzuteilen, dass das Lokal ein Selbstbedienungsladen ist und gegen 23 Uhr schließt. Wir hatten also noch eine halbe Stunde Zeit. Wir gingen wieder runter und holten uns Kuchen und Kaffee. Rando hatte ein Stück Chocolate Cake und ich ein Stück Kasekuchen (laut Beschreibung auf dem aushängenden Poster). Gar nicht schlecht. Wir blieben noch eine Weile sitzen.

Doch als dass Café schließen wollte und wir wieder auf die Strasse heraus kamen, war schon fast nichts mehr von dem Trubel zu sehen. Da die meisten Geschäfte mittlerweile geschlossen hatten oder gerade dabei waren zu schließen, waren nur noch wenige Leute unterwegs. Also auch Zeit für uns, zurück ins Hotel zu fahren.

Auf dem Bahnhof war immer noch die Hölle los. Irgendwie hatten sich alle Leute entschieden gerade jetzt nach Hause zu fahren. Der Andrang war genauso groß wie morgens zur Rush Hour in der Tokyo Station. Wir brauchten fast 15 Minuten, ehe wir an einem der Automaten eine Fahrkarte ziehen konnten und wir brauchten weitere 15 Minuten, ehe wir unseren Zug gefunden hatten. Shinjuku Station ist ein wahres Labyrinth. Statt die Linie quer durch die Stadt zu nehmen, fuhren wir mit der Oedo – Linie. Um vom Westen in den Osten zu kommen ist das nicht gerade der direkte Weg und wir waren ziemlich lange unterwegs.

Auf dem Rückweg mussten wir mal wieder an einer Pachinko Halle vorbei. Pachinkos sind die japanischen Spielhallen. Hier stehen tausende einarmige Banditen in mehreren Reihen. Dort ergötzen sich die Japaner unersättlich. Leider ist Glücksspiel in Japan verboten, daher funktionieren die Automaten auch nicht mit Münzen, sondern mit Metallkugeln. Hat man gewonnen, so kann man die Kugeln gegen einen Sachpreis eintauschen. Den Sachpreis kann man dann unter der Hand wieder in Geld verwandeln. Das ist die japanische Art, Verbote zu umgehen.

Schon auf der Strasse hörten wir das laute Rasseln der Kugeln und das Klirren der Automaten. Als wir dann in die Pachinko Halle eintraten, eigentlich nur aus Neugierde und der Eintritt ist schließlich frei, war der Lärm nicht auszuhalten. Erschrocken und auch ein wenig entsetzt verließen wir das Lokal genauso schnell, wie wir eingetreten waren.

Unter diesem Eindruck gingen wir nun ins Hotel zurück und legten uns schlafen.

Sonntag, 24. September 06

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Abschiedsstimmung machte sich breit. Mein letzter Tag in Tokyo. Ich wollte nicht schon am Morgen in den Kokugikan gehen. Der Grund, ich hatte bisher noch keine oder nur wenig Souvenirs von meiner Reise erworben. Ich plante also den Vormittag mit Shopping zu verbringen. Gesagt getan.

Zunächst fuhr ich mit der Bahn quer durch die Stadt zum Meiji Schrein. Dort hatte ich bisher die schönsten Glücksbringer gesehen. Laut Reiseführer sind japanische Glücksbringer das Non Plus Ultra an Souvenirs aus Japan. Noch dazu sind sie klein und leicht, also auch leicht zu transportieren.

Die Glücksbringer sind eigentlich kleine Beutel aus Seide. Man muss sie immer bei sich tragen, damit die Sache auch funktioniert. Leider haben die Glücksbringer auch nur eine Wirkungszeit von einem Jahr. Man muss sie also regelmäßig erneuern. Das tun die Japaner dann auch in regelmäßigen Abständen, denn sie sind sehr abergläubig. Ich genoss die morgendliche Ruhe im Park rund um den Schrein. Die Touristenbusse waren noch nicht angekommen und überhaupt waren fast nur Einheimische zum Beten hier.

Nachdem ich Gesundheitsglücksbringer für meine Eltern und meine Großmutter erworben hatte, kaufte ich noch einen Glücksbringer für Liebe für mich. Bisher hat er leider noch nicht gewirkt, aber ich bin zuversichtlich. Gegenüber den Kleinoden anderer Tempel und Schreine sind die Glücksbringer am Meiji Schrein recht teuer (1500 Yen pro Stück). Sie sehen aber auch zehn mal so schön aus.

Am Eingang des Parks zum Meiji Schrein, am Rande des Parklatzes für die Touristenbusse befindet sich noch ein Souvenirladen. Den plünderte ich natürlich auch. Sämtliche Freunde hatten mich nach Souvenirs gefragt. Ich entschloss mich schließlich für mehrere Paare Stäbchen, die mir eine Freundin nach meiner Rückkehr allesamt mit einem Mal abkaufte, zwei hübsche Teedosen mit grünem Tee und ein paar letzte Postkarten. Eigentlich hätte ich den ganzen Laden leer kaufen können, denn ein Schmuckstück war schöner als das andere. Aber ich wollte ja noch in einen weiteren Laden.

Auf unserer Stadtrundfahrt durch Tokyo waren wir die Omotesando Avenue, die Herbert, Rando und ich ja vor zwölf Stunden erst unsicher gemacht hatten, rauf gefahren. Dabei hatte uns die Reiseleiterin auf einen besonderen Laden aufmerksam gemacht, den Oriental Bazar. Von außen hebt sich das Gebäude schon im Baustil von den anderen ab. Es erinnert in seiner Form schon an einen Tempel. Alle anderen Gebäude an der Strasse sind eher modern konstruiert. Im Oriental Bazaar findet man nun alles an Souvenirs, was das Touristenherz begehrt. Im Erdgeschoß gibt es alles aus japanischem Porzellan. Tolle Teeservice, Speiseservice, Löffel, Tassen, Schalen in allen Formen und Farben. Daneben Taschen und Accessoires aus Seide oder anderen edlen Stoffen. Im Untergeschoß gab es eine Auswahl an Kimonos und Yukatas. Alles in den verschiedensten Preiskategorien von billig über teuer bis hin zu sehr teuer. Im ersten Obergeschoß schließlich konnte man japanische Schnitzereien erwerben. In Form, Farbe und Gestalt wurde der Fantasie freien Lauf gelassen. Sehr beliebte Motive sind entweder Drachen oder Shogune oder Herrscherfiguren aus der Geschichte Japans. Nach den Schnitzereien standen wirklich schöne Möbel. Leider als Mitbringsel im Flugzeug völlig ungeeignet. Aber wohl nur Kenner können die echten Antiquitäten von den chinesischen Nachbildungen unterscheiden.

Ich ging wieder ins Erdgeschoß zurück. Hier fand ich alles, wonach ich suchte. Ich kaufte also ein Teeservice inklusive Porzellanlöffel und Ablagebänkchen, zwei Schals aus japanischen Stoffen, einen hübschen Sumo – Bilderrahmen und Samen für japanische Zimmerpflanzen. So langsam stellte ich mir die Frage, ob nun mein Gepäck noch ausreichend Platz im Koffer fände. Schließlich war das Teeservice zerbrechlich und es wäre schade gewesen, wenn ein Teil nicht heil in Deutschland angekommen wäre.

Als ich aus dem Bazar kam, war es auch schon Mittag. Zeit langsam zurück zum Hotel zu steuern. Treu dem Motto folgend, unliebsame Dinge immer sofort zu erledigen, beschäftigte ich mich in der nächsten Stunde damit, meine Koffer zu packen. Unwillkürlich machte sich die Abschiedsstimmung noch breiter.

Gegen 14.30 Uhr ging ich dann in den Kokugikan. Der Großteil unserer Reisegruppe war schon anwesend. Ich wollte aber zunächst nicht die Kämpfe sehen. Am Eingang der Ringer hatte sich schon eine ganze Meute angesammelt, die nur darauf wartete die Lieblinge zu sehen und Fotos zu schießen. Ich hingegen war fest entschlossen vielleicht noch das eine oder andere Autogramm zu ergattern. Allerdings hatte ich nicht bedacht, dass am letzten Turniertag die Abläufe etwas anders sind. Die Ringer müssen dadurch schon viel früher als gewöhnlich in die Umkleidekabinen. So gab mir auch Kokkai, den ich vorher sehr höflich auf Russisch (!!) um ein Autogramm gebeten hatte, zu verstehen, dass er schon spät dran sei und mir später ein Autogramm geben wolle. Natürlich grenzt das völlig an Unmöglichkeit.

Roho warf den ihn bedrängenden Passanten so böse Blicke zu, dass ich mich nicht einmal traute, ihn überhaupt anzusprechen. Vielleicht hätten ihn ja Worte in seiner Landessprache sogar ein Lächeln abgerungen?

Am Schlimmsten traf es aber Ama, den Held dieses September Turniers. Der wurde nicht nur von einer Horde schreiender Damen sofort umringt, nein, alle versuchten natürlich auch nach ihm zu grabschen. Auf diese Art und Weise in die Ecke gedrängt, verlor er seinen Pantoffel. Glücklicherweise reagierte er sehr schnell, denn es machten sich schon einige Leute daran, den Pantoffel zu ergattern und zu behalten! So wurde das Gedränge eigentlich noch größer und noch unübersichtlicher. An Autogramme war nicht mehr zu denken.

Etwas enttäuscht ging ich zurück in die Halle. Im Ring wurde gerade der letzte Kampf, ein Entscheidungskampf, einer unteren Division ausgetragen. Ungläubig blickte ich nach unten. Da stand tatsächlich mein Sumoringer, den ich diese Woche fast mit Kotooshu verwechselt hätte. Den Namen habe ich leider nicht verstanden. Aber mir kam die Idee, wieder runter an den Ausgang der Umkleidekabinen zu gehen und den jungen Herrn zu seinem Erfolg zu beglückwünschen.

Ich ging also wieder nach unten. Nach circa zwanzig Minuten wurde meine Geduld belohnt. Der Pseudo-Kotooshu kam lächelnd aus seiner Kabine und lies sich, von Mädchen umringt fotografieren. Schließlich entdeckte er mich, erkannte mich und war sogar bereit mir ein Autogramm zu geben. Das war er offensichtlich noch nicht gewohnt, denn er musste erst seinen Stallkollegen nach der japanischen Schreibweise fragen. Sollte er aber einmal ganz nach oben kommen, habe ich wenigstens jetzt schon sein Autogramm.

Über beide Ohren grinsend kam ich zurück in die Halle. Begeistert schauten wir den letzten Kämpfen dieses Turniers zu. Spannend war es zwar nicht mehr, da Asashoryu als Sieger schon feststand, aber die neuen Abläufe waren interessant. Während der letzten Kämpfe kam eine Kapelle hereinspaziert, die sich ganz oben auf den hintersten Rängen gegenüber der Kaisertribüne platzierte.

Und dann war auch der letzte Kampf des Turniers schon vorbei. Es folgte die Siegerehrung. Zunächst wurde eine Art Beistelltisch in der Ringmitte aufgestellt. Darauf wurde der erste Pokal gestellt. Dann spielte die Kapelle die japanische Hymne. Alle Einheimischen sangen lautstark mit und blickten in Richtung leere Kaisertribüne mit der japanischen Flagge. Asashoryu wurde in den Ring gerufen und von den Ringrichtern zum Sieger deklariert. Der erste Pokal wurde überreicht. Oder vielmehr durchgereicht, denn Asashoryu blieb im Ring stehen und gab den Pokal an einen der außenstehenden Helfer weiter. Es folgte der Kaiserpokal, der von dem neuen Ministerpräsidenten überreicht wurde. Dieser Mann ist klein und zart und konnte den schweren Pokal gerade so hochheben. Glücklicherweise machte Asashoryu einen eiligen Schritt nach vorn und nahm ihm das Riesenteil ab. Sonst wäre wohl der Ministerpräsident unter der Last zusammengebrochen. Noch ein kurzes Interview mit dem Sieger und dann ging es richtig zur Sache. Unzählige Trophäen wurden nacheinander aufgetafelt und übergeben und weitergereicht. Ich gewann langsam den Eindruck, dass die Vitrine im Erdgeschoss völlig leer geräumt wurde, die Pokale überreicht und sofort wieder ins Schaufenster zurück gestellt wurden. Es sind also im wahrsten Sinne des Wortes Wanderpokale. Daneben wurden noch Preisgelder beziehungsweise Sachspenden an den Sieger übergeben. Zum Beispiel mehrere Tonnen Zwiebeln für Asashoryus Heya, ein Jahresvorrat an Kraftstoff, gesponsert von einem Scheich aus Dubai und so weiter und so fort. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Herrn Born, der uns die Preise übersetzte. Diese Sachspenden sind wiederum eine der wenigen Einnahmequellen der Heya.

Und dann drängte alles aus der Halle. Nun begann der Kampf um den besten Platz, um einen Blick auf den Sieger zu werfen, wie er zu seiner Ehrenrunde im Auto startet. Wir warteten eine ganze Weile, hatten aber trotzdem Pech und bekamen nur wenig von der Ehrenrunde zu sehen. Begleitet wurde Asashoryu im Wagen von Takamisakari.

Zum krönenden Abschluss des Tages und dieser Reise beschlossen wir ein gemeinsames Abendessen. Wir konnten aber zunächst kein geeignetes Lokal finden und entschieden uns schließlich, in das Sumo Restaurant von Reisetag Nr. 1 zu gehen. Nebenan wurde gefeiert und wehmütig blickten wir den Sumotori nach, die sich im Restaurant tummelten.

Montag, 25. September 06

Abreise. Wir fuhren sehr zeitig mit der S-Bahn zurück zum Flughafen. Ein letzter Blick auf Tokyo, ein letztes Mal die Haltestellenansage und dann waren wir auch schon am Flughafen. Die Stimmung war bei allen Reiseteilnehmern etwas gedämpft. Viele schöne Erlebnisse lagen hinter uns. Wir sind um viele neue Eindrücke reicher. Zeit, die Bilanz dieser Reise zu ziehen.

Man kann es, so glaube ich, schon an der Länge meines Reiseberichts erkennen. Ich bin absolut begeistert von dieser Reise. Ich habe viereinhalb Jahre in Frankreich gelebt und dachte bisher, dass Frankreich das Land ist, in dem ich früher oder später endgültig leben werde. Nach dieser Reise bin ich mir dessen nicht mehr sicher. All die vielen kleinen Anekdoten, die ich erlebte, und die vielen Eigenheiten der japanischen Kultur, die von vielen Schriftstellern und Japanreisenden als „nervig“ oder „ermüdend“ abgestempelt werden, empfand ich nie als störend. Mag sein, dass ein Leben in Japan auch noch anders abläuft als ein Urlaub. Aber ich bin der Meinung, dass man in ein fremdes Land reist oder dorthin auswandert, um dort auch die fremde Kultur zu erleben und kennen zu lernen.

Fazit: ich bin begeisterter von Sumo denn je und werde mit Sicherheit nächstes Jahr wieder eine Reise ins Land der aufgehenden Sonne planen.

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